Krieg ist Frieden

Von der Maas bis an den Hindukusch…

Na ja, irgendwann muss es ja mal sein, also schreibe was zu Afghanistan. Zunächst nicht mehr als einen Kommentar; ich hoffe es kommt eine längere Artikelserie hier auf dem Blog zum Thema zustande, in der Zustände, Hintergründe und Zusammenhänge in diesem „kriegsähnlichen Krieg“ (Gutti) beleuchtet werden. Warum? Irgendwie hatte man sich schon so schön an „Krieg ist Frieden“ (G. Orwell) gewöhnt, also es werden Brunnen gebaut und afghanische Mädchen können jetzt in die Schule. Seit Kunduz ist aber aus dem „Friedenseinsatz“ (sic!) doch irgendwie so etwas wie ein Krieg geworden. Bei Orwell findet man ebenso „Unwissenheit ist Stärke“. Je weniger viele Leute über eine Sache wissen, desto gezielter lässt sich eine einheitliche Meinung über sie herstellen, propagieren. Und eine einheitliche Meinung ist zwingende Voraussetzung dafür, militärisch überhaupt so vorgehen zu können, wie man es tut. Informationen zum Afghanistankrieg sind also im positiven Sinne ein Dolchstoß in den Rücken der von CSU bis Grüne und in den Massenmedien anzutreffenden bellizistischen Propaganda.

Wenn also nach der nun in London stattfindenden Afghanistankonferenz neue Ordern an den Hindukusch gehen, sollten die dort Stationierten nicht die einzigen sein, die über den neuen Schwachsinn den Kopf schütteln (und das werden sie); nein auch wir, hier an der sog. Heimatfront, sollten uns mal wundern: wir haben eine „andere Situation“ (F.J. Jung), die nach allgemeiner Einschätzung militärisch nicht zu gewinnen ist, und wir schicken noch mehr Soldaten rein. Klar! Angesischts dessen fragt man sich, inwieweit in Berlin konkrete militärische Strategien reflektiert werden, und was taktische Lageberichte der militärischen Führung der Bundeswehr überhaupt bewirken. „Es wird erst noch schlimmer, bevor es besser werden kann“, sagte die Kanzlerin sinngemäß sinnentleert und alternativlos schon in ihrer Neujahrsansprache. Wie sehr muss man sein Hirnkastl eigentlich noch verdrehen, um das Offensichtliche nicht wahrzunehmen: Fighting for peace is like fucking for virginity! Solange wird fröhlich weitergestorben.

Die Kurswechsel fasst SpOn schön zusammen: Die deutsche Strategie – Einschwenken auf die Linie der USA. Mehr Truppen, Fokus auf die Ausbildung afghanischer Einheiten, mehr aus dem Lager raus „in die Fläche“ gehen, und dann noch Westerwelles unsägliche Abwrackprämie für die Taliban-Aussteiger. Bei dieser Idee wird offenbar, dass sie geistiges Kind einer durch und durch materialistschen Partei ist, die mit Korruption als politischem Mittel schon längst ihren Frieden gemacht hat. Na ja, vielleicht gibt es dann im Generation-Doof-TV irgendwann Talkrunden mit „Ich war ein Taliban — und dabei wollte ich doch nur liebgehabt werden“! Oder seriöse Aussteigerberichte in Scripted-Reality-Sendungen wie z.B. der Tagesschau. Dass es Menschen gibt, die mit Waffengewalt die bekämpfen, die ihr Land besetzen, ist wohl eine zu simple Erklärung; wer mit den Taliban sympathisiert, macht das nämlich generell nur weil er allein, arm, vernachlässigt, verwirrt, o.ä. ist.

Dabei ist es doch möglich, eine wirklich neue Strategie zu fahren, wie bspw. die Türkei und Australien, die beide keine zusätzlichen Truppen schicken wollen, oder gar wie Kanada und die Niederlande, die ihre Truppen ganz abziehen wollen. Nach der inszenierten Wahl von Karzai ist es in meinen Augen auch verbrecherisch, diesen nicht legitimierten Bürgermeister von Kabul und sein Regime mit Waffengewalt an der Macht zu halten. He may be a son of a bitch, but he’s our son of a bitch! Und dann wird eben par force dort eine zentralistische „Demokratie“ errichtet, wo eigentlich die Machtstrukturen einer in Stämmen organisierten Kultur herrschen. Na klar, die muss man dann natürlich bekämpfen. Oder noch besser: Afghanen ausbilden, damit sie das selber machen können. Spart uns Geld und Leben. Worauf ich hinaus will ist: dies ist Imperialpolitik ganz alter Schule, und es ist mir zuwider, dass wir uns daran beteiligen.

Wer übrigens denkt ich möchte hier SpOn als ernsthaftes journalistisches Medium referenzieren, irrt natürlich. Nach wie vor sind Afghanistan-Berichte durchsetzt von Fnords wie: „Koalition der Willigen“, „Anreize zum Ausstieg“, „demokratische Standards“ etc. etc. Ganz klar, wir sind nicht nur Musterdemokratie (wir berichteten), sondern USA-Linientreue ist auch allzu vasallenhaft, meint SpOn:

Es gibt immer nur die Initiativen der Amerikaner und das deutsche Einschwenken, vorsichtig und gewunden. Ziemlich schwach für eine gehobene Mittelmacht.

Na, na, wenn sich da mal keiner überschätzt. Diese Passage fand ich jedenfalls besonders abstoßend, weil hier ganz offen der großdeutsche bellizistische Hegemonialgeist aus dem faschistischen Dummschädel 2.0 hervorweht.

Unfreiwillig hatte SpOn damit sogar recht: wenn irgendwelche Politpfosten im Hinblick auf Abzugsperspektiven meinen, das gehe wie folgt: Sicherheitskräfte trainiert – Hände geschüttelt – brav das Einsatzziel erreicht – ab nach Hause, so liegen sie falsch. Wie in künftigen Beiträgen zum Thema vielleicht deutlich wird, fährt die NATO da drüben einen bewussten Eskalationskurs; am Beispiel Pakistan sollte das nachvollziehbar sein. Ohne transatlantische Widerworte lässt man sich also nur immer tiefer in diesen Schlamassel hineinziehen.

„Friedhof der Supermächte“ titelt folgerichtig auch der aktuelle Print-Spiegel, bewusst den eigentlichen Ausdruck „Friedhof der Imperien“ vermeidend, um ja keinen Denkprozeß anzuregen. Trotzdem irgendwie zynisch: wann gibt endlich jemand offen zu, dass Afghanistan seit Jahrzehnten hauptsächlich ein Friedhof der Afghanen ist. Deswegen möchte ich an dieser Stelle sagen: Liebe Afghanen, es tut mir sehr leid was meine Regierung Euch antut.

Update: Da hat sich wohl Kollege flatter über den selben Mist zur selben Zeit aufgeregt. Außerdem ist Westerwelles Abwrackprämie kein Präzedenzfall: schon früher gab es wohl Schutzgeldzahlungen an die Taliban seitens z.B. der Italiener, damit sie in Ruhe gelassen werden.

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