Krieg ist Frieden, Wirtschaft

Neo-Imperialismus

Was sich in der Überschrift anhört wie ein 68er-Protestbegriff hat inzwischen sicherlich Dimensionen angenommen, die man zu befürchten damals nicht gewagt hätte. Damals wurde gegen den Vietnamkrieg der USA, gegen das persische Schah-Regime (welches durch UK und USA an die Macht geputscht wurde), gegen den NATO-Doppelbeschluss protestiert. Dass heute dieselbe Nummer weltweit aufgespielt wird und werden kann ist also schier unglaublich, angesichts der Tatsache, dass all das obige noch innerhalb der Lebensspanne der meisten Zeitgenossen geschehen ist.

Der Ablauf dieses grausigen Stückes ist immer derselbe, seit Kolonialzeiten. Einzig die Methoden sind der Zeit angepasst, verfeinert worden.

  1. Regionale Machthaber korrumpieren und oder die Region durch Kredite unter Kontrolle bekommen und sich so Zugang zu den Ressourcen dieser Region sichern. Wichtig ist dabei auch die Kontrolle der Verteilung dieser Ressource an Dritte.
  2. Sollte dies nicht klappen: Gegner des Machthabers mobilisieren, Machthaber entmachten, schlimmstenfalls durch Mord oder Vertreibung. Marionette installieren, die sich an die Absprachen gemäß Punkt 1 hält.
  3. Sollte auch dies nicht möglich sein: militärischer Konflikt und Besatzung. Möglichst viele Gefechte dabei von Einheimischen gegen Einheimische austragen lassen. Danach über Punkt 2 zu Punkt 1. Eine instabile Region erleichtert die Kontrolle, deshalb möglichst regionale Konfliktparteien durch kreative Grenzziehung zu einer Einheit zusammenschweißen (wie geschehen z.B. in Afrika, oder auch Afghanistan).

Bestägt wird das bspw. durch die Autobiographie von John Perkins, Confessions of an Economic Hitman (ein relativ unmfang- aber auch aufschlussreiches Interview mit ihm hier). Achtet mal darauf, wenn in den Medien solche Begriffe wie „Geopolitik“ oder „Regimewechsel“ auftauchen – sie beschreiben in voller Absicht genau dies. Fallbeispiele für diese Außenpolitik der USA gibt es über Südamerika und Afrika bis Asien wahrlich genug.

Hintergrund ist: die Kapitalakkumulation durch (Re-)produktion, wie wir sie generell aus der Arbeitswelt kennen (cf. Fordismus), ist aus mehreren Gründen nicht mehr lohnend. Höhere Rendite verspricht inzwischen Kapitalakkumulation durch Enteignung. In Feudalzeiten musste sich der Lehnsherr aus technischen Gründen dazu noch auf sein Territorium beschränken. Inzwischen ist die Technik weiter, und es können weltweit neue Territorialansprüche durchgesetzt werden. Wie? Siehe oben, Punkte 1 bis 3. Bezeichnend dabei ist außerdem, dass diese Ansprüche nicht mehr von einem Souverän (Fürst, König, Volk, je nach Staatsform) sondern von Konzernen und Kartellen als primären Interessenten der Kapitalakkumulation erhoben werden; sie bedienen sich aber der gesellschaftlichen wie militärischen Infrastruktur einzelner Nationen. Plumpen Anti-Amerikanismus will ich mir hier also nicht vorwerfen lassen. Ein gewollter Seiteneffekt ist dabei „das Eindringen kapitalistischer Sozialbeziehungen in jede Facette unseres Lebens und jeden Winkel unseres Planeten“ (Leo Panitch / Sam Gindin). Klar, wer die Spielregeln verinnerlicht hat, für den wirken die Spielzüge nachvollziehbar; so ist es von Vorteil, wenn möglichst viele Individuen dieses Denkmuster übernehmen. Wir merken das daran, dass unsere Vorstellungen von Arbeit und Kapital, die größtenteils noch der fordistischen Sichtweise folgen, inzwischen deutlich erodiert sind; Mehrwert schaffen und als „Leistungsträger“ gelten sind heutzutage nahezu disjunkt.

Nun hatten wir doch schon mal ’68, wir hatten die ehemals pazifistischen Grünen und eine Bevölkerung, die im Zentrum zweier Weltkriege stand und deren Narben keineswegs verheilt sind. Als casus belli muss bei uns deshalb eine Propagandalüge, der „Krieg für die Menschenrechte“, herhalten. Ein Ausdruck, auf den selbst der schlaue George Orwell so nicht gekommen ist. Hat aber für Kosovo und Afghanistan bei uns funktioniert, auch etwa eine Dekade früher bei der US-Bevölkerung, als Saddam ein Genozid an den Kuwaitis vorgeworfen wurde (inszeniert von PR-Profis). Dass dabei durch ein weltweites Netz an militärischen Operationen, tödlichen Drohnenangriffen und Geheimgefängnissen die US-Regierung und die NATO zu den größten Menschenrechtsverletzern zählt, will gütig unterschlagen werden. Noch heute höre ich im privaten Umfeld ernstgemeinte Aussagen, dass man „die Taliban“ alle weggbomben sollte, dass wir international die Menschnrechte durchsetzen können müssen etc etc.

Meine Frage zu all diesem ist: wie kann man eigentlich so bescheuert sein? Ist es nicht möglich, als Gesellschaft, als Einzelner, einige grundlegende Einsichten aus der Kolonialzeit, aus dem 20. Jahrhundert zu gewinnen? Sind solche Zusammenhänge wirklich so schwer zu kapieren? Da ist der deutsche Parlamentarier durchschnittlich genauso verblendet wie der deutsche RTL2-Zuschauer. Und selbst denjenigen, die meinen, bei der globalen Enteignung im besten sozialdarwinistischen Sinne irgendwo eine Krume abzubekommen, sei gesagt: Goldene Türme wachsen nicht endlos, sie stürzen ein. Und zum Leben sind sie überhaupt vollkommen ungeeignet.

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