Propaganda

War on public opinion

Als ich in einem rezenten Post den „Krieg für Demokratie und Menschenrechte“ als Propagandamasche bezeichnet habe, lag ich damit offenbar genau auf der Linie von CIA-Analysten. Ein heute auf wikileaks veröffentliches Dokument der CIA erörtert Medienstrategien, um die öffentliche Meinung in Frankreich und Deutschland zugunsten des ISAF-Mandats zu beeinflussen und so einem Ausstieg aus dem Krieg samt Regierungswechsel, wie in den Niederlanden geschehen, vorzubeugen. Schon der erste Absatz ist ein Brecher:

Public Apathy Enables Leaders To Ignore Voters.

The Afghanistan mission’s low public salience has allowed French and German leaders to
disregard popular opposition and steadily increase their troop contributions to the
International Security Assistance Force (ISAF).

Damit diese geistige Dumpfheit auch so erhalten bleibt, wird mehrerlei empfohlen. Es sei bspw. opportun, Umfragen herauszutellen, in denen Afghanen die NATO- und ISAF-Präsenz im Land befürworten (zu ca. zwei Dritteln). Eine verlässliche Umfrage dazu gebe es, so im Dokument. Damit ist wohl diese hier gemeint, an der etwa 1500 AfghanInnen teilgenommen haben. Sicherlich muss man dieses Ergebnis auch zur Kenntnis nehmen, eine politische Mehrheit ist es aber noch lange nicht.

Aber auch völlig jeder empirischen Grundlage entbehrende Manipulationen werden vorgeschlagen:

For example, messages that illustrate how a defeat in
Afghanistan could heighten Germany’s exposure to terrorism, opium, and refugees
might help to make the war more salient to skeptics

sowie das von mir schon thematisierte Holzhammerargument zum Abschluss:

Emphasis on the mission’s multilateral and humanitarian aspects could help ease
Germans’ concerns about waging any kind of war […]

Und das, meine Damundherrn, ist natürlich heftiger Tobak. Da in dem gesamten Dokument die Frage nach dem „Wie?“ überhaupt nicht gestellt wird, kann davon ausgegangen werden, dass die Beeinflussung der Medienöffentlichkeit ein zuverlässig greifender und erprobter Mechanismus ist. Ich wünsche also viel Spaß dabei, kommende Medienbeiträge mit der beschriebenen Stoßrichtung ausfindig zu machen.

Bei wikileaks ist sowieso gerade die Kacke am Dampfen. Am 5. April ist die Veröffentlichung eines Videos geplant, welches ein Massaker an afghanischen Zivilisten durch US-Angriffe belegt. Wahrscheinlich deshalb geht es gerade zu wie im James-Bond-Film: Überwachen, Verfolgen, Festnehmen von Leuten aus dem Dunstkreis des einzig nicht-anonymen wikileaks-Mitarbeiters Julian Assange. Interessierte finden hier sein Statement zu diesen Vorgängen.

Auf der anderen Seite stimmt ein Abschiedsartikel eines der Urgesteine des amerikanischen investigativen Journalismus, Paul Craig Roberts, traurig. Der ehemalige Redakteur und Kolumnist des Wall Street Journal sowie der Business Week geht darin mit den Konzernmedien sehr hart ins Gericht, wie z.B. hier:

The Council of Europe is investigating the drug companies’ role in hyping a false swine flu pandemic in order to gain billions of dollars in sales of the vaccine.

The media helped the US military hype its recent Marja offensive in Afghanistan, describing Marja as a city of 80,000 under Taliban control. It turns out that Marja is not urban but a collection of village farms.

And there is the global warming scandal, in which NGOs, the UN, and the nuclear industry colluded in concocting a doomsday scenario in order to create profit in pollution.

Wherever one looks, truth has fallen to money.

und trifft die lakonische Feststellung:

The American corporate media does not serve the truth. It serves the government and the interest groups that empower the government.

Die absolut verbitterte Grundhaltung dieses Artikels macht es leider leicht, ihn als Rundumschlag abzutun; als Revanche dafür, im „harmonisierten“ (chinesicher Ausdruck für „zensierten“) Medienkonzert als dissonante Stimme erst schräg angeschaut und dann ausgegrenzt worden zu sein. Und ja, somit ist Harmonisierung, ob nun de jure oder de facto, wirklich Zensur.

Während also auf der einen Seite die Waffen gestreckt werden, wünsche ich andererseits wikileaks Erfolg auf ganzer Linie. Der Kampf um die Meinungshoheit in Massenmedien scheint momentan nur mehr Spiegelfechterei, Blendwerk zu sein; solche Projekte wie wikileaks werden also von Geheimdiensten zu Recht als Bedrohung wahrgenommen. Da wikileaks ja auf anonyme Quellen innerhalb der betroffenen Organisationen angewiesen ist, sollten sich die schlauen Dienste allerdings ein paar andere Fragen stellen. Ob sie zum Beispiel vergessen haben, dass an allen Stellen, in allen Organisationen, Menschen sitzen; davon mehr und mehr Menschen, die es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können, bei der Verheimlichung diverser Sauereien mitzumachen. Was es bedeutet, wenn das Aufdecken solcher Sauereien meistens einem Hochverrat, mindestens aber einem beruflichen Suizid gleichkommt. Und an welcher Art von Gesellschaft sie da eigentlich mitbauen.

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