Naher Osten

Im Libanon soll wieder geschossen werden

Der erste Schuss fiel am 13. April 1975, als ein Phalangistisches Kommando im Beiruter Vorort Ain El Rummaneh bei einem Angriff auf einen palästinensischen Bus mehrere Duzend Menschen ermordeten. Das war der Anfang vom gut 15 Jahre dauernden Libanesischem Bürgerkrieg. Es klingt wie ein verspäteter Aprilscherz, dass jetzt, wo sich das Datum zum 35. Mal jährt, wieder geschossen werden soll. Das Kommando kommt diesmal sozusagen aus der Nationalen Auswahl und tritt auf dem Rasen an.

Mitglieder des Parlaments und der Regierung wollen nämlich zum Jahrestag des Ausbruchs des Bürgerkriegs auf dem Fußballplatz gegeneinander antreten. Unzwar nicht etwa in einer Aufstellung „12. März“ gegen „14. März„-Block. Unter dem Motto „Wir sind alle eine Mannschaft“ treten zwei Teams gegeneinander an, die jeweils mit Spielern aus verschiedenen Fraktionen, Regionen und Konfessionen des Zedernstaats besetzt sind. Zwei Halbzeiten à 15 Minuten lang soll eine Auswahl der politischen Elite in weißen und roten Trikots ihr fußballerisches Können beweisen. Sport und Jugendminister Ali Abdullah verriet dem Daily Star, dass die Botschaft sei, dass „trotz aller politischen Differenzen Sport für alle da ist und auch alle vereint.“

Nicht ganz Richtig ist die Aussage, dass Sport für alle da sei, vor dem Hintergrund, dass das Spiel nicht öffentlich ausgetragen wird. Aus Furcht vor Ausschreitungen bleibt das Match im größten Stadion des Landes „in Übereinstimmung mit aktuellen Regelungen des Libanesischen Fußballverbandes“, eine Veranstaltung nur unter Politikern. Dafür sind neben dem Präsidenten Michel Suleiman, Premier Saad Harriri und Parlamentspräsident Nabih Berri auch Präsidenten von verschiedenen Sportverbänden, Botschafter und ehemalige politische Verantwortliche mit von der Partie.

„Sport lehrt dem Sieger anmutig zu bleiben und dem Verlierer mit seiner Niederlage zu leben“, so der Sportminister. Tatsächlich war es etwa solch ein Verhalten, das Libanon im letzten Jahr aus einer erneuten Krise gerettet hat. Die Opposition, die die Wahl verloren hatte blieb forderte trotz massenhafter Indizien für Wahlfälschung keine Neuauflage, nichteinmal eine Untersuchung. Die damalige Regierungsfraktion unter Führung Harriris zeigte dafür, wenn auch mit monatelanger Verzögerung, Besonnenheit und ging auf eine Regierung der nationalen Einheit mit der Opposition ein.

Kenner des Libanons sind aufgrund der Erfahrung mit der Geschichte des vielseitigen Landes gewöhnlich skeptisch bei positiven Nachrichten von der Levante. Viel zu oft war die Ruhe im Land eine Trügerische, die Allianzen, die für richtigen Frieden sorgen sollen eher Übergangslösungen. Dem gewöhnlichen Libanesen auf der Straße wird angeblich sogar langweilig und er fragt nach „Action“, wenn es länger keinen Krieg, gewaltsame Ausschreitung oder doch zumindest eine Massendemonstration gegeben hat. An diesem grundsätzlichen Pessimismuss im Hinblick auf die Versöhnung wird natürlich auch ein Fußballspiel so schnell nichts ändern. Jedoch haben die letzten Monaten in Beirut und im Rest des Landes Annäherungen in den politischen Blöcken gebracht, die noch vor zwei Jahren nicht vorstellbar waren. Deshalb sei heute Politruc die Prognose erlaubt (auch wenn schon falsche Vorhersagen hier gemacht wurden) in diesem Match ins einen weiteren Startschuss für einen zu mindest im Inneren befriedeten Libanon zu sehen.

co-published: politruc.com

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