Naher Osten

Al-Turkiya – Ankaras neuer Draht zur Arabischen Welt

China, Frankreich, Iran, Russland, UK und USA haben jeweils schon einen Fernsehrsender in der Region. Seit Sonntag folgt die Türkei mit „Al-Turkiya“, (Arabisch für „Der Türkische (Channel)“ dem Trend, Nachrichtensender nach dem Vorbild des Marktführers Al-Jazeeras für die arabische Welt zu starten. Dieses Phänomen kommt nicht von ungefähr, gibt es doch knapp 300 Millionen potenzielle Zuschauer. Die mediale Erschließung dieses Potentials ist nun ganz im Zeichen einer Annäherung auf allen Gebieten seitens Ankaras an die arabische Welt zu sehen.

Der Start des Senders am Sonntag war im nationalen Interesse der Türkei. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan selbst sprach während der Einweihungszeremonie für den neuen Sender von einem „historischen Tag für die türkisch-arabische Freundschaft.“ Von einer Kommunikationsverbindung zwischen den Herzen der arabischen und türkischen Welt und von einem Sender „der unsere Herzen vereint“ war sogar die Rede. Dies dürfte die arabische Welt schmeicheln, ist Erdogan dort doch sowieso schon seit seinem Protest 2009 gegen die israelische Bombardierung Gazas in Davos populär. Damals hieß es in der arabischen Welt, dass die eigenen Führer schwiegen, während Erdogan protestierte.

Verbesserte Beziehungen in die arabische Welt
Tatsächlich sind diese Aussagen für die Außenpolitik der Türkei mehr als nur ein schönes Wort zum Sonntag. Fast ein Jahrhundert blieb die Türkei gegenüber der arabischen Welt verschlossen. Die Araber hätte die Türken im Osmanischen Reich, während des ersten Weltkriegs, „verraten“ hört man noch heute einige türkische Nationalisten behaupten. Die Türkei sei von Feinden umgeben. Nach der Aufbesserung der Beziehungen zu Syrien, der Wiederbelebung einer Eisenbahnverbindung in den Irak in der Tradition der „Bagdadbahn“ und dem zumindestens verbalen Mitspielen im Nahostkonflikt, ist der Start von „Al-Turkiya“ nun aber ein weiteres von vielen symbolischen Schritten, die zeigen, dass Ankara seine Fühler wieder Richtung Osten streckt.

Diese Ausrichtung scheint Teil einer Gesamtstrategie der türkischen Außenpolitik zu sein, die strategisch günstige Lage des Landes in politisches und wirtschaftliches Kapital umzumünzen. Spätestens seit der Beitritt in die EU durch die Wahl von Sarkozy in Frankreich und Merkel in Deutschland in weite Ferne gerückt zu sein scheint, öffnet sich die Türkei zu den Machtzentren in seiner direkten Umgebung. Neben der Offensive in die arabische Welt sind die Beziehungen zur Regionalmacht Iran gut, das Verhältnis zu Russland, das jahrhundertelang durch gegenläufige Hegemonialbestrebungen und dem Beitritt der Türkei zu Nato geschwächt war, befindet sich wirtschaftlich und politisch im Aufschwung. Nicht zuletzt bei der Kooperation im Bereich Energiepolitik nutzt Ankara seine Lage als Transitland und kooperiert hier mit Russland.

Unter diesem Blickwinkel dürfte auch eine kleine Zuschauerzahl für „Al-Turkiya“ für die Interessen Ankaras keine Enttäuschung sein. Der TV-Sender mit Live Sendungen aus Kairo, Beirut und Damaskus ist allein durch seine Existenz schon ein PR-Produkt, das in der Arabischen Welt seine Wirkung haben wird. Zwar öffnet sich die Türkei politisch und wirtschaftlich und nun auch medial in alle Richtungen, nirgends wird das aber so positiv erlebt wie in den arabischen Ländern. Al-Turkiya wird damit ein weiterer Meilenstein in der Wandlung des Türkeibewusstseins der Arabischen Welt sein. Vom feindlichen gesinnten nördlichen Nachbarn, der nicht nur Nato-Mitglied sondern auch Verbündeter Israels ist und als Bittsteller bei der EU als nicht unabhängig empfunden wurde, entwickelt sich von Kairo über Beirut bis Bagdad ein Türkeibild von einem, in lange vergessener und nun wiedererwachter Freundschaft, selbstbewussten politisch aufstrebendem Akteur.

Co-published: politruc.com

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