Übrigens

Ceterum censeo

„Über jede Sache kann man zwei Reden halten.“ (Protagoras)

Man betrachte folgende Paarungen: „aufstrebender Badeort / Großbaustelle am Meer“, „Mauer / antifaschistischer Schutzwall“, „Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen! / …geschossen!“, „Terrorist / Freiheitskämpfer“, usw. usf.

Faszinierend für mich als Linguisten, aber fangen wir vorne an. Bei der kognitiven Meisterleistung, aus irgendwelchem akustischen Gestammel und Geblubber einen Sinn zu ziehen, brauchen wir eine fundamentale Annahme: wir unterstellen dem Wahrgenommenen a priori, es habe Sinn. Erst wenn wir beim „Entschlüsseln“ auf Widersprüche, kognitive Dissonanzen, stoßen, versuchen wir (wohlwollend) Sinn hinzuzufügen oder das bisher Entschlüsselte nochmal zu überarbeiten. Dieser Prozess findet auf allen sprachlichen Ebenen statt.

So ist nachvollziehbar, wie diese Art von Manipulation funktioniert: wird keine kognitive Dissonanz ausgelöst, werden die (hier in knackige Begriffe) verpackten Konzepte vom Entschlüssler mit übernommen und deren Vorbedingungen wiederrum als wahr angesehen (sonst wäre die Übermittlung eines solchen Konzeptes schließlich gescheitert). Und auf der Bedeutungsebene von Sprache lässt sich eine Dissonanz nur durch unvollständige oder gegenteilige Faktenlage und das definitive Wissen darum auslösen. Schwierig, wenn uns als integer und professionell geltende und (wenn man Glück hat) im Reden, in ihrer Stimme und Körpersprache geschulte Menschen über weit entfernte Dinge erzählen und so suggerieren, ihre Kenntnis der Fakten sei vollständig und die Vorbedingungen ihrer Konzepte deswegen gültig und vermittelbar.

Bei jeder obskuren Gebrauchtwagenanzeige würde man denken: „Hm, den Wagen besser nochmal selbst anschauen“. In einem einseitigen Kommunikationskanal wie einer Rede, den Printmedien, dem Radio und Fernsehen will allerdings selten jemand aus der Masse der Empfänger herausstehen, sollte er meinen, ihm würde da gerade etwas „untergejubelt“. Keine Ahnung warum, ist nur ein empirischer Befund, also ab, den Psychologen und Soziologen fragen. Dies bezieht sich auch auf diejenigen, die Informationen empfangen (leider seltener als investigativ sammeln), umgruppieren, (leider selten) reflektieren und so aufbereitet weiterreichen. Die Journalisten.

Und dies bringt mich nun nach langer Vorrede zum Lesetipp: Journalism and the ‚words of power‘ von Robert Fisk, Nahostkorrespondent des Independent.

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Ein Gedanke zu “Ceterum censeo

  1. Sami G. schreibt:

    In der Tat ist Robert Fisks Beitrag sehr lesenswert. Er macht sehr gut auf Sprache in den Nachrichten aufmerksam. Mir ist selber folgendes aufgefallen: Warum heißt es Gaza Offensive? Wird hier nicht das Wort Krieg und dessen Assoziationen mit Leid an der Zivilbevölkerung vermieden? Und ist es nicht auch eine Parteinahme?

    Fisk hat sicherlich auch recht, wenn er sagt, daß wir mehr Bücher lesen sollten, als den Quatsch im Netz. Das heißt nicht, daß die Leute aufhören sollen diesen Blog zu lesen 😉 Wir versuchen hier schließlich zum einen auf lesenswerte Artikel aufmerksam zu machen und verweisen bei Gelegenheit auch auf passende Bücher, wie es in meinem Artikel über den Applehype geschehen ist: https://blogicide.wordpress.com/2010/02/07/dont-believe/

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