Übrigens

Wann ist endlich Neuzeit?

Heute ist Sonntag, hier also kommt die Predigt…

Wir haben nicht viel verstanden, wenige Chancen nur wahrgenommen, dafür viele Fehler begangen und daraus nicht viel gelernt. Wir stehen mit einem Fuß immernoch im Mittelalter; kulturell, geistig, spirituell gesehen haben wir uns, im Vergleich zum technologischen Aspekt, seit Jahrhunderten fast nicht vom Fleck bewegt. Dies soll keine Predigt mit rot geschwollenem Hals, mit geschwungener Faust, keine Anklage sein. Sie soll aber den Blick auf das lenken, ohne das wir, selbst mit all unserer Technologie, komplett verloren sind.

In Europa blicken wir auf eine lange Epoche des Raubrittertums zurück. Das Bild vom „edlen Ritter“ mag vielleicht einen Idealtypus beschreiben; tatsächlich haben wir aber den Geist des Raubrittertums im Kolonialzeitalter in die Welt hinausgetragen, in die neue Welt, nach Australien, nach Afrika. Dieser Geist lebt immernoch, heute heisst er Globalisierung. Und immernoch werden ganze Großregionen und Kontinente von uns abgezogen und in den Arsch gefickt.

Die Aufklärung war eine erste Gelegenheit, unseren Geist, unser Denken zu emanzipieren. Stattdessen setzte sich größtenteils die Rationalisierung gegenüber der Ratio durch; unsere spirituelle Entwicklung hinkte hinterher. So machte sich das Raubrittertum die neuen geistigen Werkzeuge zu eigen. Das Mannigfaltige der Welt wird mittels Abstraktion und Logik handhabbar gemacht, es wird berechenbar und in der Formel einem Nützlichkeitsaspekt unterzogen. Alles, was sich dem instrumentellen Denken entzieht (u.a. auch Religion), wird in den Bereich des Aberglaubens verschoben. So werden auch Menschen, gesellschaftliche Subjekte, zum manipulierbaren und verwertbaren Kollektiv; das Allgemeine tritt als totalitär auf und richtet sich den Einzelnen nach seinem Maße zu.

Eine zweite Gelegenheit zur Weiterentwicklung hätten die vielen Kriege des 20. Jahrhunderts, insbesondere die Weltkriege, sein müssen. Auf die letzteren folgte die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, da sich so etwas nie wiederholen sollte. Wie viele Kriege und Völkermorde sind seitdem angezettelt worden, wie oft werden die Menschnrechte täglich auch in zivilen Gesellschaften verletzt, im Extremfalle durch Mord? Es ist selbstverständlich geworden, dass kein Mitgefühl mehr herrscht denen gegenüber, denen Unheil zustößt, und besonders denen gegenüber, deren Unheil wir mit verursachen. Der Geist des Raubrittertums stürzt nach wie vor ganze Kulturen ins Blut, weil wir etwas von denen haben, uns aber nicht mit ihnen einigen wollen.

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks konnte unser Land endlich „wie ein Konzern geführt werden“ (G. Schröder, sinngemäß). Die Verwertbarkeit und Erbarmungslosigkeit konnte und sollte sich ihre Individuen zurichten, der inneren Logik einer Konzernstruktur folgend in die Köpfe kopiert werden. Da stehen wir nun in diesem Pyramidensystem, welches das Organigramm eines Konzerns abbilden dürfte und nun unsere Gesellschaft beschreibt; mit einem Dogma vom freien Markt an der Spitze, dem wir Opfer darbringen, damit er sich zu unseren Gunsten entscheide. Wohl wissend, dass wir unsere Mündigkeit wieder an ein Dogma abgetreten haben.

Wir haben immernoch dasselbe mittelalterliche Geldsystem mit Zins und Zinseszins, wobei private Zentralbanken Geld aus Luft erschaffen aber alle daran glauben. Wir haben immernoch die mittelalterlichen Feudalstrukturen, wo Lehnsherren und Raubritter die Bauern Fron verrichten lassen und deren Söhne in Feldzüge zum Töten und Sterben schicken. Wir haben immernoch die mittelalterliche Mentalität, gemäß der sich hinter dicken Mauern verschanzt, gemäß der alles kontrolliert werden muss, weil Angst die Triebfeder des Handelns ist. Angst, die Bestohlenen könnten sich zurückholen, was ihnen gebührt.

Wann schaffen wir also endlich den Schritt in die Neuzeit? Können wir, zunehmend individualisiert, auch endlich die dafür notwendige Verantwortung übernehmen? Es ist kein technologischer oder gar kultureller Schritt; es ist ein spiritueller. Unsere Raubritterseele muss loslassen, einer neuen Denkweise Zeit und Raum geben, damit sie sich zu einer neuen Kultur entfalten möge; damit unsere technologischen Werkzeuge, deren Macht inzwischen unser Bewusstsein komplett überholt hat, verantwortungsvoll genutzt werden können. Ich hoffe, wir schaffen diesen Schritt sehr bald.

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