Übrigens

Schweinshaxe

Was, was soll Freiheit sein, als fettes Grinsen von oben?

„Wohl gibt es keine Knechtschaft,
aus welcher ihr euch befreit,
mit der Zeit,
bevor sie euch das Genick bricht!“,
lacht es da, lacht es da,
und erstickt an einer fetten Schweinshaxe.

Es ist Revolution, Revolution!

(Krankheit der Jugend)

Mit einem Jahr auf diesem Blog geht notwendigerweise einher, dass man hier angesprochene Themen auch im Privaten „aufs Trapez“ bringt. Meist sind das Unterhaltungen bei denen am Ende kein Konsens steht, keine Entscheidung, sondern die Gesprächspartner im besten Fall ihren jeweiligen Horizont etwas erweitert haben. Oder neugierig geworden sind. Was auch immer.

Dasselbe gilt für sog. Expertenthemen, wie bei mir beispielsweise IT und IT-Sicherheit. Auch hier könnte Neugierde entstehen, einfach deshalb, weil einen dieser Bereich immer häufiger im Leben berührt. Dass man sich über die Natur digitaler Daten bewusst werden muss, wenn man am laufenden Band welche produziert, und bisweilen willkürliche oder gar bösartige Nutzung dieser Daten ganz reale Auswirkungen auf das persönliche Leben haben können.

Nun, die häufigsten Reaktionen sind dennoch Unverständnis, Abgeklärtheit, vereinzelt blöde Witze. Und das nicht, weil ich missionieren gehe und den Leuten den Kram aufs Auge drücke. Dass diese Themen einfach vorkommen ist deshalb, weil sie relevanter für mein Leben sind als der Werdegang von Justin Bieber, die Vier-Schanzen-Tournee, Cosplay-Verkleidungtipps oder wer mit wem gefickt hat, fickt, oder vielleicht noch ficken wird.

Leute erwarten, dass ihre Daten bei facebook geschützt, ihr Online-Banking sicher, die E-Mail zuverlässig usw. ist, und haben oft nicht einmal die Muße, sich die drei oder vier Anwendungen, die sie regelmäßig benutzen, genau anzugucken. Oder gar irgendwelche IT-Konzepte zu verstehen. Und sind perplex wenn man ihnen erklärt, dass es sowas wie Data Mining gibt.

Leute erwarten, dass sie in ihrem Job fair bezahlt werden, dass irgendeine Kasse Geld bezahlt, wenn sie alt oder krank werden, dass das, was sie sich erarbeitet haben, bleibt. Und keiner hat Lust, sich anzuschauen, was Geld ist, wie Geld geschöpft wird, wie unser aktuelles Geldsystem funktioniert.

Leute erwarten, dass sie (sofern es sich nicht um Luxusklassegüter handelt) das meiste sofort irgendwie, irgendwo kaufen oder konsumieren zu können. Und keiner mag sehen, dass dies eine Infrastruktur genau solcher globaler Megakonzerne erfordert, deren Agenda Renditemaximierung ist, die notwendigerweise zu stärkeren politischen Akteuren werden als es der „mündige Konsument“ je sein könnte.

Leute erwarten, dass das Leben irgendwie doch einen Sinn haben müsse; spüren, dass die Welt mehr als zufällig dahingepatschte Materie ist. Aber trauen sich nicht, auf die Suche zu gehen. Denn Spiritualität, Glaube, Religion, Esoterik ist ja nur für Spinner. Und Konsequenzen daraus könnten durchaus sein, dass man Verantwortung für sich und andere trägt. Schrecklich!

Leute erwarten Demokratie und Rechtstaatlichkeit und gucken dabei dem Berliner Possenspiel zu. Kommentieren, wie schön die ein oder andere Marionette sich bewegt oder gekleidet ist und fragen nicht nach den Fäden, die sie führen. Und erkennen nicht, wenn sich womöglich wirklich ein couragierter Demokrat zwischen all diesen Kaspern bewegt.

Leute erwarten, die Welt erklärt zu bekommen, und lassen sich dabei manipulieren von Bild, BamS, Glotze und Sarrazin. Und kommen nicht auf die Idee, selbst zu suchen, wenn die angebotenen Erklärungen hanebüchen bis menschenverachtend daherkommen; obwohl sie doch spüren, dass es das nicht sein kann.

Ein absoluter Lesebefehl hierzu ist nichts geringeres als 10 Punkte zur Rettung der Welt. Dass dieser subversive Aufruf ausgerechnet in der FAZ erscheint, sollte zu denken geben. Eine demokratische Gesellschaft ist eben aber ohne Demokraten nicht zu machen. Sehr schön beschrieben hier bei flatter: Schaffen wir sie doch ab!

Leute, die mit all dem oben beschriebenen Zwiedenk kein Problem haben, die sich in ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit behaglich einrichten und den inneren Zensor zuschnappen lassen, wann immer der antrainierte Reflex es gebietet, möchte ich zum Schluss ein Zitat von Erich Fromm mitgeben:

Der Mensch wird beeinflusst von […] der Struktur der Gesellschaft, in der er lebt; die eine Tendenz hat: nämlich seine psychischen Energien so zu gestalten, dass der Mensch das gerne tut, was er tun muss, damit diese Gesellschaft in ihrer speziellen Form existieren kann.

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