Technisches

Liebe Katrin Schuster,

glauben Sie nicht, dass mir der nun folgende Verriss Spaß macht, aber ich habe von ihrem Beitrag Finden, nicht suchen einfach Hirnkrebs bekommen und diese Replik wird hoffentlich Läuterung sein. Gerade im netzorientierten freitag, und gerade bei einem Artikel über neue Medienformen so viel (nicht nur technischen) Unsinn in diesem Themenfeld zu verzapfen ist beachtlich. Im Folgenden einzelne Aussagen, kurz kommentiert.

„Das soziale Netzwerk Facebook sticht die Suchmaschine Google aus – aber das ist auch kein Wunder“

Die Frage wäre natürlich, warum das kein Wunder ist. Aus einem einfachen Grund z.B.: sie verlgeichen Äppel mit Birnen. Google und Facebook haben von vornherein komplett unterschiedliche Anwendungsszenarien, nämlich „Suchmaschine“ und „Infotainment“. Im von Ihnen angesprochenen speziellen Bereich des Auffindens von Information greifen die beiden Portale zudem auf strukturell sowie inhaltlich komplett unterschiedliche Datenkorpora zu.

Ein anderer Vergleich, den Sie vornehmen, ist der finanzielle zwischen den jeweiligen Gründern, und zwar so:

„Damit spielt ­Zuckerberg endlich in derselben Liga wie die Google-Gründer Larry Page und Sergej Brin. Doch nicht nur die Kontoauszüge gleichen einander mittler­weile, sondern auch die Nutzerzahlen.“

Sollte das mit den Kontoauszügen ein herrlich naiver Witz sein? Zufällig weiss ich, was auf den Gehaltsschecks von Page und Brin steht: genau 1$ Jahresgehalt. Deren Knete liegt nämlich im Aktiendepot und in Sonderkonditionen beim Aktienerwerb von Google. Auch den „Kontoauszug“ von Zuckerberg scheinen Sie genau zu kennen, hm… gehören Sie etwa zu den wenigen handverlesenen Großinvestoren, die eine super-sondergeheime Abmachung mit Vertraulichkeitsklausel akzeptieren, um Facebooks Geschäftszahlen einsehen zu dürfen? Wo kämen wir auch da hin, wenn das Datenvieh wüsste, wieviel Wert es eigentlich für Marc „I’m CEO… bitch!“ Zuckerberg generiert.

Zudem unterschlagen Sie, dass der Konzern Google zig weitere Geschäftsfelder bearbeitet, von Werbung über Webanwendungen und Hosting bis zu Mobilfunk. Auch die ungeheure Forschungssparte dürfte nicht unter den Tisch fallen, in die so unterschiedliche Projekte wie autonom steuernde Fahrzeuge, alternative Energiequellen und Transportmittel sowie eigene Investition in technologisch orientierte KMU weltweit gehören. Ihre Erwähnung von „Nutzerzahlen“ ist also als Vergleich schlichtweg lächerlich.

„Foto, Video, Audio, Games, Mail: Im Grunde gibt es nichts Digitales mehr, das sich nicht auf ­Facebook erledigen ließe.“

Einfaches Gegenbeispiel: Daten oder die daraus gewonnen Erkenntnisse dauerhaft löschen. Oder veschlüsselte Kommunikation. Im Ernst, wenn Sie die Foto-/Video-/Audio-/Game-Qualität und -funktionen auf Facebook als ausreichend hinstellen, ist das technisch einfach Humbug.

„Das World Wide Web wird größer mit jedem Tag, und dagegen können auch die intelligentesten Algorithmen nichts ausrichten.“

Wie auch? Indem sie von ihrer Turing-Maschine absteigen und übermäßigen Content-ProduzentInnen mit der Motorradkette mal das Halteproblem einprügeln? Ein Größenmaß für das WWW ist mir ebenso unbekannt. Meinen Sie Informationsgehalt, Speicherbedarf, Redundanz, oder was?

„Oft genug nervt die Google-Suche nur noch […] Selbst die erweiterte Suche von Google kann daran wenig ändern, denn auch sie vergleicht am Ende nur Buchstaben miteinander und listet Identitäten auf.“

Dann empfehle ich Ihnen, sich mal die Bedienungsanleitung durchzulesen. Da steht nämlich drin, was die Google-Suchsyntax wirklich so alles kann. Manches davon kann man sogar klicken. Wo die Anleitung ist? Hm, weiss nicht, müsste ich meine Facebook-Freunde fragen.

Im Ernst: Googles „intelligente Algorithmen“ (was ist eigentlich ein intelligenter Algorithmus?) machen ein wenig mehr als Buchstaben vergleichen. Sonst wäre das ja bloße Volltextsuche. Und die gabs schon, als Brin und Page noch in die Windeln gemacht haben. Und was zur Hölle meinen Sie bitte mit „Auflistung von Identitäten“?

„Sie [die Facebook-Freunde, Anm.] werden zu meinen ganz privaten Gatekeepern“

und leiten Ihnen durch, was Sie interessieren könnte; und können das auch besser einschätzen als Zeitung und Fernsehen. Ja, das ist bequem und fein. Aber leider auch ein vollkommen anderes Anwendungsszenario als eine aktive und zielgerichtete Suche und Sichtung von Information zu einem bestimmten Thema. Siehe oben.

Zu Anfang des Beitrags weisen Sie auch darauf hin, wieviel Investorenknete und welche Akquisen Facebook kürzlich so an Land gezogen hat, und wie es für den Börsengang fit gemacht wird. Dazu ein Zitat von Sergey Brin: „When it’s too easy to get money, then you get a lot of noise mixed in with the real innovation and entrepreneurship.“

Und hier sehe ich den Haken: Facebook ist ein extremer Hype, eine Blase. Welche Innovation kann es auf mittlere Sicht produzieren? Momentan sehe ich nur die Möglichkeit, das bestehende Infotainment-Angebot zu perfektionieren oder minimal auszubauen, auf möglichst viele Endgeräte zu bringen und so möglichst viele Nutzer zu binden. Das eigentliche Kapital sind nämlich, wie Sie angesprochen haben, die „wertvollen Daten über Interessen und Vorlieben von Millionen ­Menschen“. Das Netz ist aber schnelllebig, und wenn in absehbarer Zeit eine technisch bessere soziale Plattform entsteht, oder eine, die ihre Benutzer nicht so respektlos behandelt, ist man schnell bei einer virtuellen Völkerwanderung. Die können sich nämlich fast so schnell zurückziehen wie (virtuelle) Anlegerkohle.

Wenn Sie zudem etwas über die tatkräftige finanzielle Mitwirkung der US-Geheimdienste beim Aufbau von Facebook nachlesen wollen, können Sie gerne ausgehend von einem unserer älteren Artikel selbst recherchieren. Und sich dann überlegen, mit wievielen Tausend Umdrehungung pro Nanosekunde Erich Mielke und Gestapo-Himmler im Grab rotieren, dass Sie diese ganzen Informationen nicht auch einfach frei Haus bekommen haben.

Ein bisschen weniger Jubelperserei hätte ihrem Beitrag sehr gut getan. Als Fazit aus diesem kann ich nur festhalten, dass Sie sich subjektiv beim Benutzen von Facebook irgendwie kuscheliger fühlen als beim Bedienen von Google. Diese Information hat für mich in etwa den selben Wert wie… Moment… der Klick auf einen „Gefällt mir!“-Button.

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