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Wulff and beyond

Zur ganzen Affäre um unseren Bundespräsidenten Wulff gibt es einige Aspekte, die bisher in den Hintergrund getreten sind… und auf die ich hier hinweisen möchte.

Ich wage zu behaupten, wir haben es bei der ganzen Geschichte mit einem klassischen Fall der Kampagne zu tun. Indizien: erstens, die zeitliche Distanz. Das Material, welches gegen Wulff (und seine Frau) eingesetzt wird, hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel; es handelt sich nicht um plötzlich und überraschend ausgegrabene Dokumente. Wulffs Verfehlungen in Niedersachsen waren also schon länger bekannt. Zweitens, die Unverhältnismäßigkeit. Ohne die unsauberen Verstrickungen Wulffs entschuldigen zu wollen, andere CDU-Granden haben deutlich mehr Dreck am Stecken. Sei es der Bimbeskanzler Kohl, welcher gemäß der Omertà sein „Ehrenwort“ gegeben hat, niemals bei den Behörden zu singen, sei es das Finanzgenie Schäuble, dem eben so 100,000 DM aus der Schreibtischschublade verschwinden, sei es Roland Koch, der schon mal Finanzbeamte, die seinen schwarzen Kassen auf der Spur sind, per psychologischem Gutachten als paranoid einstufen lässt, sei es das Merkel mit immernoch geschlossener Stasi-Akte…

Das Interessante an der Kampagne liegt also mindestens genauso in der Metakommunikation: Wer hat wann wo und warum entschieden, das vorliegende Material gegen Wulff einzusetzen? Was soll damit der Öffentlichkeit, und was soll Wulff selbst vermittelt werden? Ich würde mir wünschen, diese Fragen in der Berichterstattung zu sehen.

Um nicht missverstanden zu werden: den Einblick, den diese ganze Affäre in die Verstrickung von (Partei-)Politik, Wirtschaft und ehrenwerter Gesellschaft bietet, sollte man nicht unterschätzen. Wie Wulff sich verhalten hat, ist seines Amtes unwürdig. Nur glaube ich eben nicht, dass Wulff hier ein „bedauerlicher Einzelfall“ ist, oder als besonders skrupellos aus dem Rahmen fällt. Das Schulterzucken als Reaktion aus politischen Kreisen lässt erahnen, wie normal solche Mauscheleien tatsächlich sind. Wie alltäglich es sein dürfte, dass Politfiguren gezielt erpressbar sind. Und wie alltäglich sich Politiker in journalistische Veröffentlichungspraxis einmischen dürften. Wobei ich hier nicht die BILD als Journalismus bezeichnen wollte, tut mir leid.

Zum Schluss steht eigentlich noch die Frage, was machen wir mit dem Grüßaugustposten im Schloss Bellevue? In der bestehenden Form wird das Amt jedenfalls fürs Machtspiel in und zwischen politischen Parteien missbraucht. Insofern könnten wir uns den Pomp und das Geld natürlich sparen. Oder wir sagen, in dem Sinne, dass der Präsident alle Deutschen repräsentiert, soll er eben gerade nicht einer Partei entstammen; am besten überhaupt kein Berufspolitiker sein. Wir gäben dem Amt seine Bedeutung zurück; und einer möglichst integren Persönlichkeit die Gelegenheit offen und ohne Furcht vor Repressalien für das Volk zu sprechen. Dazu freilich müsste der Präsident auch direkt vom Volk gewählt werden können…

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Propaganda

Papa ist im Krieg

Sehr geehrte Fr. Dr. Knobel-Ulrich,
sehr geehrte Programmdirektion der ARD,

vorhin habe ich den Beitrag „Papa ist im Krieg“ angesehen und möchte Ihnen kurz meine Gedanken dazu mitteilen. Mein Fazit nehme ich vorweg: es handelt sich bei diesem als Dokumentation etikettierten Machwerk um nichts anderes als billige Kriegspropaganda.

Eine Homestory über Soldaten der Bundeswehr im Afghanistaneinsatz und deren Familien ist ein ganz klar subjektiver, eingeengter und vor allem emotional aufgeladener Blickwinkel, den der Zuschauer nachvollziehen, ja, nachfühlen soll. Mit einer sachlichen Dokumentation des Themas hat diese Story also schon konzeptuell nichts zu tun.

Die Interviews mit den Familien / Hinterbliebenen sind größtenteils oberflächlich oder belanglos (es wird z.B. erzählt, dass Nudeln mit Tomatensoße nach Afghanistan geschickt wurden). Allerdings finden sich immer wieder propagandistische Elemente, die dem empathisch, nicht intellektuell, involvierten Zuschauer als untergejubelt werden: ein Soldat erzählt, wie gut es die Familie in Deutschland doch hat, Hinterbliebene dürfen erzählen, wie ehrenhaft es doch war, dass der Getötete „seine Kameraden nicht im Stich gelassen hat“ etc. etc. Überzeugend sollen diese Sichtweisen dadurch wirken, dass sie von direkt Betroffenen geäußert werden. Auch die unsägliche Behauptung, die Freiheit Deutschlands werde am Hindukusch verteidigt, ist wort-wörtlich im Beitrag enthalten. Zudem gibt es hinreichend Szenen, die vor Pathos nur so triefen: die Heimkehr zur schwangeren Frau (wo impliziert wird, dass dem ehrenhaften Deutschen das Vaterland vor Frau und Kind gehe), die Ehrung der „Gefallenen“ durch den ehem. Verteidiungsminister und mutmaßlichen Betrüger zu Guttenberg, die Videokonferenz von Familien mit ihren Angehörigen im Einsatz…

Alles in allem erinnert „Papa ist im Krieg“ an eine dem Zeitgeist angepasste „Deutsche Wochenschau“, deren Zielgruppe eine Bevölkerung ist, die salopp gesagt keinen Bock auf diesen Krieg hat. Denn es ist auch auffällig, was in diesem ganzen Film nicht vorkommt: ein einziges Zitat, in dem jemand den Schmerz, die Sinnlosigkeit, dieses Krieges anspricht. Nach seinen toten Kameraden befragt meint ein Heimkehrer nur, er wolle darüber jetzt nicht sprechen; diese Szene suggeriert dem Zuschauer, das Schweigen bezüglich der genannten Themen zu brechen sei den Soldaten gegenüber aufdringlich und daher unangebracht. Goebbels wäre stolz gewesen.

Ein weiteres Indiz, wes Geistes Kind dieser Beitrag ist, findet sich im Ankünder der ARD, wo Deutschland gleich zweimal als „Heimatfront“ bezeichnet wird. Zwar ist der Begriff durch Gänsefüßchen markiert, doch auch dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der Zuschauer als Teil dieser Front begreifen soll — denn eine andere Bezeichnung für Deutschland findet sich dort schlicht nicht. Aus dem zugehörigen Wikipedia-Artikel zitiert:

Der Begriff [Heimatfront] wurde […] propagandistisch genutzt, um dem deutschen Volk zu suggerieren, dass die Kooperation auch von Zivilisten für den Kriegserfolg entscheidend wäre, und um die Anstrengungen der Bevölkerung als militärisch bedeutsam darzustellen. Dadurch ist das Wort Heimatfront negativ belegt, und wird außerhalb des Zusammenhangs mit dem Zweiten Weltkrieg normalerweise nicht verwendet.

Danke an die ARD also für diesen Dammbruch und die offene Erklärung, als was ihr euer Publikum offenbar betrachtet.

An die ARD: Sollte euch das Wohl der deutschen Soldaten tatsächlich so stark am Herzen liegen wie ihr vorgebt, dann klärt über die Hintergründe des Krieges auf, erklärt, warum Deutschland nicht von der Maas bis an die Memel und schon gar nicht bis an den Hindukusch reicht; macht klar, dass die deutschen Staatsbürger in Uniform, die für die Landesverteidigung einstehen, nicht in einem sinnlosen imperialen Krieg wie Bauern auf dem Schachbrett verheizt werden sollen! Zudem fordere ich Sie auf zu erklären, wie diese Quatsch-Sendung dem öffentlich-rechtlichen Auftrag gerecht wird und woher der hanebüchene Ankünder stammt, über den ich mich jetzt noch ärgere.

An die Autorin: Da Sie
1) schon verschiedentlich negativ aufgefallen sind (ich verweise auf folgende offenen Briefe)
2) als freie Journalistin, wie ich Ihrer Homepage entnehme, für Beiträge angemietet werden können
3) bei der Produktion weitläufigen Zugang zu Bundeswehr-Zugehörigen und -Anlagen hatten und somit eine Unterstützung durch die Truppe Operative Information der Bundeswehr vermutet werden kann

fordere ich Sie hiermit auf, zu erklären, ob es sich bei „Papa ist im Krieg“ um eine Auftragsarbeit handelt und ob Andere als Sie Einfluss auf Inhalt und Konzept der Sendung genommen haben.

Hochachtungsvoll,
M. Gor

P.S.: Diese Text wurde am 14. 4. 2011 unter Angabe des vollen Namens samt Anschrift des Autors an die Programmdirektion der ARD sowie an die Autorin verschickt. Bis jetzt gab es keine Reaktion.

P.P.S.: Den beschriebenen Beitrag gibt es auf youtube; hier ist Teil 1/3

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Übrigens

Ketten

Sartaldeko oihanetan gatibaturik
Erromara ekarri zinduten, esklabua,
erremintari ofizioa eman zizuten
eta kateak egiten dituzu.
Labetik ateratzen duzun burdin goria
nahieran molda zenezake,
ezpatak egin ditzakezu
zure herritarrek kateak hauts deitzaten,
baina zuk, esklabu horrek,
kateak egiten dituzu, kate gehiago.

(J. Sarrionandia)

In den Wäldern des Westens gefangen,
brachten sie dich nach Rom, Sklave,
sie gaben dir die Arbeit eines Schmiedes,
und du schmiedest Ketten.
Das glühende Eisen, welches du aus dem Ofen holst,
könntest du nach deinem Willen formen,
du kannst Schwerter schmieden,
damit die Deinen ihre Ketten zerschlagen,
aber du, o Sklave,
du schmiedest Ketten, mehr Ketten.

Dieses Gedicht sei all denen gewidmet, die endlich aufgehört haben, an ihren eigenen Ketten mitzuarbeiten; die aufgehört haben, das zu tun, was die Sklavenhalter ihnen auftrugen. Ich hoffe darauf, dass sie nicht noch mehr Gewalt erfahren müssen. Ich hoffe darauf, dass auch wir endlich die Augen aufmachen und unseren Verstand benutzen.

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Übrigens

Rückkehr des Blockwarts

  • Du bist Schüler in Deutschland mit türkischem Namen
  • Im Fach Ethik schreibst du über Küng’s Stiftung Weltethos: „Das Weltethos kommt zu spät, man hat die Menschen bisher zu frei leben lassen, als dass sie jetzt ein solches Regelwerk anerkennen würden. Außerdem kann man einem Christen nicht plötzlich vorschreiben, Teile der islamischen Werte anzuerkennen“
  • Deine Lehrerin zeigt dich anonym (ohne vorheriges persönliches Gespräch oder Rückfrage) bei der Polizei an: Verdacht auf Mitgliedschaft in einer islamistisch-terroristischen Vereinigung
  • Deine Mitmenschen, hier Mitschüler, die du jeden Tag siehst, beschimpfen dich mit „Terrorist“ und „Osama“; du verlässt die Schule
  • Die Lehrerin entschuldigt sich nicht und bleibt an derselben Schule auf demselben Posten

Deutschland: Dummheit, Hinterlist, Feigheit, Verachtung! Nix gelernt, gar nix gelernt. Glück gehabt, dass dieser Celik seiner Schule nicht nochmal einen späteren Besuch im Steinhäuser-Stil abgestattet hat. Schuld sind wie immer Killerspiele und Internetz!

via

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Technisches

Liebe Katrin Schuster,

glauben Sie nicht, dass mir der nun folgende Verriss Spaß macht, aber ich habe von ihrem Beitrag Finden, nicht suchen einfach Hirnkrebs bekommen und diese Replik wird hoffentlich Läuterung sein. Gerade im netzorientierten freitag, und gerade bei einem Artikel über neue Medienformen so viel (nicht nur technischen) Unsinn in diesem Themenfeld zu verzapfen ist beachtlich. Im Folgenden einzelne Aussagen, kurz kommentiert.

„Das soziale Netzwerk Facebook sticht die Suchmaschine Google aus – aber das ist auch kein Wunder“

Die Frage wäre natürlich, warum das kein Wunder ist. Aus einem einfachen Grund z.B.: sie verlgeichen Äppel mit Birnen. Google und Facebook haben von vornherein komplett unterschiedliche Anwendungsszenarien, nämlich „Suchmaschine“ und „Infotainment“. Im von Ihnen angesprochenen speziellen Bereich des Auffindens von Information greifen die beiden Portale zudem auf strukturell sowie inhaltlich komplett unterschiedliche Datenkorpora zu.

Ein anderer Vergleich, den Sie vornehmen, ist der finanzielle zwischen den jeweiligen Gründern, und zwar so:

„Damit spielt ­Zuckerberg endlich in derselben Liga wie die Google-Gründer Larry Page und Sergej Brin. Doch nicht nur die Kontoauszüge gleichen einander mittler­weile, sondern auch die Nutzerzahlen.“

Sollte das mit den Kontoauszügen ein herrlich naiver Witz sein? Zufällig weiss ich, was auf den Gehaltsschecks von Page und Brin steht: genau 1$ Jahresgehalt. Deren Knete liegt nämlich im Aktiendepot und in Sonderkonditionen beim Aktienerwerb von Google. Auch den „Kontoauszug“ von Zuckerberg scheinen Sie genau zu kennen, hm… gehören Sie etwa zu den wenigen handverlesenen Großinvestoren, die eine super-sondergeheime Abmachung mit Vertraulichkeitsklausel akzeptieren, um Facebooks Geschäftszahlen einsehen zu dürfen? Wo kämen wir auch da hin, wenn das Datenvieh wüsste, wieviel Wert es eigentlich für Marc „I’m CEO… bitch!“ Zuckerberg generiert.

Zudem unterschlagen Sie, dass der Konzern Google zig weitere Geschäftsfelder bearbeitet, von Werbung über Webanwendungen und Hosting bis zu Mobilfunk. Auch die ungeheure Forschungssparte dürfte nicht unter den Tisch fallen, in die so unterschiedliche Projekte wie autonom steuernde Fahrzeuge, alternative Energiequellen und Transportmittel sowie eigene Investition in technologisch orientierte KMU weltweit gehören. Ihre Erwähnung von „Nutzerzahlen“ ist also als Vergleich schlichtweg lächerlich.

„Foto, Video, Audio, Games, Mail: Im Grunde gibt es nichts Digitales mehr, das sich nicht auf ­Facebook erledigen ließe.“

Einfaches Gegenbeispiel: Daten oder die daraus gewonnen Erkenntnisse dauerhaft löschen. Oder veschlüsselte Kommunikation. Im Ernst, wenn Sie die Foto-/Video-/Audio-/Game-Qualität und -funktionen auf Facebook als ausreichend hinstellen, ist das technisch einfach Humbug.

„Das World Wide Web wird größer mit jedem Tag, und dagegen können auch die intelligentesten Algorithmen nichts ausrichten.“

Wie auch? Indem sie von ihrer Turing-Maschine absteigen und übermäßigen Content-ProduzentInnen mit der Motorradkette mal das Halteproblem einprügeln? Ein Größenmaß für das WWW ist mir ebenso unbekannt. Meinen Sie Informationsgehalt, Speicherbedarf, Redundanz, oder was?

„Oft genug nervt die Google-Suche nur noch […] Selbst die erweiterte Suche von Google kann daran wenig ändern, denn auch sie vergleicht am Ende nur Buchstaben miteinander und listet Identitäten auf.“

Dann empfehle ich Ihnen, sich mal die Bedienungsanleitung durchzulesen. Da steht nämlich drin, was die Google-Suchsyntax wirklich so alles kann. Manches davon kann man sogar klicken. Wo die Anleitung ist? Hm, weiss nicht, müsste ich meine Facebook-Freunde fragen.

Im Ernst: Googles „intelligente Algorithmen“ (was ist eigentlich ein intelligenter Algorithmus?) machen ein wenig mehr als Buchstaben vergleichen. Sonst wäre das ja bloße Volltextsuche. Und die gabs schon, als Brin und Page noch in die Windeln gemacht haben. Und was zur Hölle meinen Sie bitte mit „Auflistung von Identitäten“?

„Sie [die Facebook-Freunde, Anm.] werden zu meinen ganz privaten Gatekeepern“

und leiten Ihnen durch, was Sie interessieren könnte; und können das auch besser einschätzen als Zeitung und Fernsehen. Ja, das ist bequem und fein. Aber leider auch ein vollkommen anderes Anwendungsszenario als eine aktive und zielgerichtete Suche und Sichtung von Information zu einem bestimmten Thema. Siehe oben.

Zu Anfang des Beitrags weisen Sie auch darauf hin, wieviel Investorenknete und welche Akquisen Facebook kürzlich so an Land gezogen hat, und wie es für den Börsengang fit gemacht wird. Dazu ein Zitat von Sergey Brin: „When it’s too easy to get money, then you get a lot of noise mixed in with the real innovation and entrepreneurship.“

Und hier sehe ich den Haken: Facebook ist ein extremer Hype, eine Blase. Welche Innovation kann es auf mittlere Sicht produzieren? Momentan sehe ich nur die Möglichkeit, das bestehende Infotainment-Angebot zu perfektionieren oder minimal auszubauen, auf möglichst viele Endgeräte zu bringen und so möglichst viele Nutzer zu binden. Das eigentliche Kapital sind nämlich, wie Sie angesprochen haben, die „wertvollen Daten über Interessen und Vorlieben von Millionen ­Menschen“. Das Netz ist aber schnelllebig, und wenn in absehbarer Zeit eine technisch bessere soziale Plattform entsteht, oder eine, die ihre Benutzer nicht so respektlos behandelt, ist man schnell bei einer virtuellen Völkerwanderung. Die können sich nämlich fast so schnell zurückziehen wie (virtuelle) Anlegerkohle.

Wenn Sie zudem etwas über die tatkräftige finanzielle Mitwirkung der US-Geheimdienste beim Aufbau von Facebook nachlesen wollen, können Sie gerne ausgehend von einem unserer älteren Artikel selbst recherchieren. Und sich dann überlegen, mit wievielen Tausend Umdrehungung pro Nanosekunde Erich Mielke und Gestapo-Himmler im Grab rotieren, dass Sie diese ganzen Informationen nicht auch einfach frei Haus bekommen haben.

Ein bisschen weniger Jubelperserei hätte ihrem Beitrag sehr gut getan. Als Fazit aus diesem kann ich nur festhalten, dass Sie sich subjektiv beim Benutzen von Facebook irgendwie kuscheliger fühlen als beim Bedienen von Google. Diese Information hat für mich in etwa den selben Wert wie… Moment… der Klick auf einen „Gefällt mir!“-Button.

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Übrigens

Schweinshaxe

Was, was soll Freiheit sein, als fettes Grinsen von oben?

„Wohl gibt es keine Knechtschaft,
aus welcher ihr euch befreit,
mit der Zeit,
bevor sie euch das Genick bricht!“,
lacht es da, lacht es da,
und erstickt an einer fetten Schweinshaxe.

Es ist Revolution, Revolution!

(Krankheit der Jugend)

Mit einem Jahr auf diesem Blog geht notwendigerweise einher, dass man hier angesprochene Themen auch im Privaten „aufs Trapez“ bringt. Meist sind das Unterhaltungen bei denen am Ende kein Konsens steht, keine Entscheidung, sondern die Gesprächspartner im besten Fall ihren jeweiligen Horizont etwas erweitert haben. Oder neugierig geworden sind. Was auch immer.

Dasselbe gilt für sog. Expertenthemen, wie bei mir beispielsweise IT und IT-Sicherheit. Auch hier könnte Neugierde entstehen, einfach deshalb, weil einen dieser Bereich immer häufiger im Leben berührt. Dass man sich über die Natur digitaler Daten bewusst werden muss, wenn man am laufenden Band welche produziert, und bisweilen willkürliche oder gar bösartige Nutzung dieser Daten ganz reale Auswirkungen auf das persönliche Leben haben können.

Nun, die häufigsten Reaktionen sind dennoch Unverständnis, Abgeklärtheit, vereinzelt blöde Witze. Und das nicht, weil ich missionieren gehe und den Leuten den Kram aufs Auge drücke. Dass diese Themen einfach vorkommen ist deshalb, weil sie relevanter für mein Leben sind als der Werdegang von Justin Bieber, die Vier-Schanzen-Tournee, Cosplay-Verkleidungtipps oder wer mit wem gefickt hat, fickt, oder vielleicht noch ficken wird.

Leute erwarten, dass ihre Daten bei facebook geschützt, ihr Online-Banking sicher, die E-Mail zuverlässig usw. ist, und haben oft nicht einmal die Muße, sich die drei oder vier Anwendungen, die sie regelmäßig benutzen, genau anzugucken. Oder gar irgendwelche IT-Konzepte zu verstehen. Und sind perplex wenn man ihnen erklärt, dass es sowas wie Data Mining gibt.

Leute erwarten, dass sie in ihrem Job fair bezahlt werden, dass irgendeine Kasse Geld bezahlt, wenn sie alt oder krank werden, dass das, was sie sich erarbeitet haben, bleibt. Und keiner hat Lust, sich anzuschauen, was Geld ist, wie Geld geschöpft wird, wie unser aktuelles Geldsystem funktioniert.

Leute erwarten, dass sie (sofern es sich nicht um Luxusklassegüter handelt) das meiste sofort irgendwie, irgendwo kaufen oder konsumieren zu können. Und keiner mag sehen, dass dies eine Infrastruktur genau solcher globaler Megakonzerne erfordert, deren Agenda Renditemaximierung ist, die notwendigerweise zu stärkeren politischen Akteuren werden als es der „mündige Konsument“ je sein könnte.

Leute erwarten, dass das Leben irgendwie doch einen Sinn haben müsse; spüren, dass die Welt mehr als zufällig dahingepatschte Materie ist. Aber trauen sich nicht, auf die Suche zu gehen. Denn Spiritualität, Glaube, Religion, Esoterik ist ja nur für Spinner. Und Konsequenzen daraus könnten durchaus sein, dass man Verantwortung für sich und andere trägt. Schrecklich!

Leute erwarten Demokratie und Rechtstaatlichkeit und gucken dabei dem Berliner Possenspiel zu. Kommentieren, wie schön die ein oder andere Marionette sich bewegt oder gekleidet ist und fragen nicht nach den Fäden, die sie führen. Und erkennen nicht, wenn sich womöglich wirklich ein couragierter Demokrat zwischen all diesen Kaspern bewegt.

Leute erwarten, die Welt erklärt zu bekommen, und lassen sich dabei manipulieren von Bild, BamS, Glotze und Sarrazin. Und kommen nicht auf die Idee, selbst zu suchen, wenn die angebotenen Erklärungen hanebüchen bis menschenverachtend daherkommen; obwohl sie doch spüren, dass es das nicht sein kann.

Ein absoluter Lesebefehl hierzu ist nichts geringeres als 10 Punkte zur Rettung der Welt. Dass dieser subversive Aufruf ausgerechnet in der FAZ erscheint, sollte zu denken geben. Eine demokratische Gesellschaft ist eben aber ohne Demokraten nicht zu machen. Sehr schön beschrieben hier bei flatter: Schaffen wir sie doch ab!

Leute, die mit all dem oben beschriebenen Zwiedenk kein Problem haben, die sich in ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit behaglich einrichten und den inneren Zensor zuschnappen lassen, wann immer der antrainierte Reflex es gebietet, möchte ich zum Schluss ein Zitat von Erich Fromm mitgeben:

Der Mensch wird beeinflusst von […] der Struktur der Gesellschaft, in der er lebt; die eine Tendenz hat: nämlich seine psychischen Energien so zu gestalten, dass der Mensch das gerne tut, was er tun muss, damit diese Gesellschaft in ihrer speziellen Form existieren kann.

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