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Kognitiv optimierte Informationsverwurstung

Erinnert sich noch jemand an das grandiose Newswipe-Template für einen TV-Nachrichtenbeitrag?

Hier (Lesebefehl weil witzisch!) gibt es jetzt eins für einen Textmedien-Artikel über ein wissenschaftliches Paper. Wie sehr sich der Autor über Suchmaschinenoptimierung, von Kognitions-Psychologen und PR-Spezialisten ausgeforschte Lese- und Aufmerksamkeitsspannen und die Rechercheunwilligkeit seiner Kollegen mockiert, deutet schon darauf hin, wie voll er die Schnauze haben muss. Es nervt ja auch tatsächlich, wenn gerade Online-Artikel nicht den Eindruck erwecken, Information zu vermitteln, sondern sie nur so zu verwursten, dass Klicks generiert werden.

Im angelsächsichen Raum scheint es jedenfalls so zu sein, dass man sich dafür noch auf die Schippe nehmen darf. In Deutschland jedenfalls werden selbst mit miesesten Tricks Klicks gezogen. Exemplarisch dieser Stern-Artikel hier (auch wenn es mir widerstrebt, ihm noch mehr Zugriffszahlen zu bescheren).

Nach Amoklauf in Lörrach – Das Web spottet zitiert zwei bis drei dämlich-hämische Twitter-Nachrichten und analysiert darauf aufbauend den angebl. sarkastischen Umgang „der Netzgemeinde“ mit solchen Tragödien. Auf ein paar Widersprüche in sich sollte ich hier wohl hinweisen:

„Ausgebildete Journalisten sind darin geschult, sensibel mit Daten von Personen umzugehen und Fakten zu recherchieren.“
Errrr… wut? Wenn sie darin geschult sind, warum tun sie es dann so selten (s.o.)? Warum werden oft Agenturmeldungen suchmaschinenoptimiert für die Webseite umgeschrieben und unkommentiert durchgeleitet? Google und Wikipedia sind keine Recherche- sondern eher Nachschlagewerkzeuge.

„Bei Twitter hingegen steht die Meinung schnell fest.“
Nein. Twitter ist kein homogener Organismus. Insbesondere lässt der Stern zugunsten seiner Hetze gegen „die Netzgemeinde“ all jene unter den Tisch fallen, die ihr Entsetzen oder ihr Bedauern zu diesem Amoklauf ausgedrückt haben. Recher…what?

On a side note: sollten plötzlich auffällig viele Twitter-Accounts dasselbe verkünden, so ist zunächst auf Astroturfing zu prüfen. Wie, wat, gibz nich? Verschwörungstheorie? Schnauze! Kauf dir doch einfach mal schnell 100000 follower für deine facebook-Gruppe!

„…für ein Medium (Anm. Twitter), welches von vielen fälschlicherweise als die Zukunft des Journalismus betrachtet wird.“
Twitter != Journalismus.
—> ein auf Twitter basierender Artikel != ein journalistischer Artikel.
—> dieser Stern-Artikel != journalistisch.
Gratulation zur Selbstentlarvung.

„Schlagwörter: Amoklauf Blog Drama Häme Hello Kitty Heribert Rech Jörg Kachelmann Killerspiel Lehre Lörrach Sebastian Deisler Text Tragödie Trauer Twitter User Verbot WEB Winnenden Wolfgang Bosbach“
Seht ihr, was ich mit Suchmaschinenoptimierung meine? Also bitte, Hello Kitty, was zum Fick bin ich lesend?

Ehrlicher wäre gewesen, diesen Stern-Artikel mit „Amoklauf in Lörrach — stern.de jubiliert schon über höhere Klickzahlen“ zu überschreiben. Denn der Informationsgehalt geht gegen Null und es wird aufgrund nicht repräsentativer Einzelmeinungen auf einer „Netzgemeinde“ rumgehackt. So ein Verhalten nennt man übrigens auch Trollen, hier mit dem Ziel, dass die provozierten Reaktionen Klicks generieren.

Das Perfideste daran ist freilich, dass die Vorwürfe an die Netzgemeinde direkt auf den Stern-Autor zurückfallen: zynisch instrumentalisiert er die Tragödie des Amoklaufs für seinen Mumpitz-Artikel.

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Übrigens

Medienkompetenz

Noch nichts vor am Sonntagabend? Und keine Lust, die 5 DVD-Sammlung „Das Wort zum Sonntag“ feat. MC Oda-Gebbine Holze-Stäblein zum x-ten mal durchzugucken? Dafür gibt’s heute aus der Britcom-Ecke einen schönen Tipp: Newswipe with Charlie Brooker. Ups, ‚tschuldigung, falscher Link, meinte natürlich diesen hier.

Eine Parodie auf Nachrichtensendungen… aber keine Angst, nicht „von innen heraus“. Es wird nicht auf die News selbst gezielt, sondern (natürlich auf britisch sarkastische Weise) darauf, dass sich das Konzept einer Sendung nachher als absurd oder die Präsentation der Nachrichten selbst als eindeutig manipulativ erweisen. Dabei auch immer wieder solche Kleinode wie das folgende, wo genüsslich auseinandergenommen wird, wie sich der Newszirkus angesichts der doch oft seifenoperhaft anmutenden Geschehnisse seine Ernsthaftigkeit selbst generiert:

Viel Spaß!

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