Naher Osten

Zweite Halbzeit

Nachdem in der ersten Halbzeit das Team Canis Lupus mit 1:0 in Führung gegangen ist, kommt die Mannschaft des Homo Sapiens mit Siegeswillen aus der Kabine. Es kann schließlich nicht sein, daß man gegenüber einem so vermeintlich unterlegenen Gegner keinen Sieg heimfährt.

Mensch und Hund gleichwertig? Beim Konter der Menschen wird das Argument gebracht, daß Menschen die Fähigkeit haben sich sprachlich, also per Laute die Symbolcharakter haben und deren Interaktion untereinander durch Grammatiken bestimmt wird, über Sachverhalte austauschen zu können. Aber die Defensive des Canis Lupus bleibt davon unbeeindruckt. Das Argument läßt sich durchaus entkräftigen, denn Inhalt scheint bei zwischenmenschlicher Kommunikation nicht immer die wichtigste Rolle zu spielen. So wird beispielsweise in einer Gesprächssituation – ähnlich wie bei Hunden – die Rangordnung durch die Tonhöhe deutlich.

Ein sehr bekanntes Beispiel dafür, daß der Ton wichtiger ist als der Inhalt, war vor etwa einem Monat besonders in der amerikanischen und israelischen Presse zu vernehmen: der Fall Helen Thomas.

Helen Thomas ist oder besser gesagt war eine Journalistin, die 1920 in eine Familie libanesischer Einwanderer in Kentucky hineingeboren wurde. Sie begann 1943 ihre journalistische Tätigkeit und nahm als eine der ersten Journalistinnen im Weißen Haus eine Vorreiterrolle für die Emanzipation ein.

Grund des Anstoßes ist ein Video, welches öffentlich verfügbar ist.
Hier ein Transkript des relevanten Teils des Videos:

Helen Thomas: Tell ‚em [the Israelis] to get the hell out of Palestine! … Remember, these people [Palestinians] are occupied and it’s their land, it’s not German, it’s not Poland.
Rabbi David Nesenoff: So where should they go? What should they do?
Helen Thomas: They go home.
Rabbi David Nesenoff: Where is home?
Helen Thomas: Poland, Germany, …

Übersetzung:

Helen Thomas: Sagt ihnen [den Israelis], daß sie verdammt nochmal aus Palästina verschwinden sollen! Denkt daran, daß die Leute [die Palästinenser] unter Besatzung stehen und daß das Land ihnen gehört. Das Land ist nicht deutsch oder polnisch.
Rabbi David Nesenoff: Wo sollen sie hingehen? Was sollen sie tun?
Helen Thomas: Sie sollen nach Hause gehen.
Rabbi David Nesenoff: Wo ist ihr Zuhause?
Helen Thomas: Polen, Deutschland, …

In der Presse wurde sie dann -wie nicht anders zu erwarten war- als Antisemitin dargestellt.

Was war an ihrer Aussage nun antisemitisch? Die Aussage, daß die meisten israelischen Juden eigentlich Europäer bzw. nicht die Ureinwohner des heutigen Israels sind, wird beispielsweise auch vom israelischen Historiker Shlomo Sand unterstützt, der davon ausgeht, daß sich das Judentum durch Missionierung verbreitet hat und daß Palästinenser, die zum Christentum und zum Islam konvertierte indigene Bevölkerung darstellen, die vor der Konversion mehrheitlich jüdischen Glaubens war. In der Tat ist es etwas fraglich, ob insbesondere äthiopische Juden (Falascha), Chasaren oder Meshuhrarim wirklich von den ersten Juden abstammen. Nicht nur Shlomo Sands Argumente sprechen dafür, daß die ursprüngliche Heimat vieler Juden nicht Israel ist, auch viele Juden unterstützen beispielsweise die Aussage indem sie die Möglichkeit wahrnehmen eine weitere europäische Staatsangehörigkeit anzunehmen, u.a. auch die Deutsche, ohne daß ein Einbürgerungstest nötig ist. Das bedeutet, daß sie also auch vor dem deutschen Gesetz Deutsche sind. Welch seltsame Übereinstimmung mit der Meinung von Helen Thomas.

Es ist folglich nicht der Inhalt der Aussage von Helen Thomas, sondern der Ton ihrer Aussage der den Eklat hervorgerufen haben muß, wobei wir wieder bei dem Thema Hund-Mensch-Kommunikation sind, wo weniger das Gesagte als die Art des Sagens eine Rolle spielt. Das bedeutet, daß Israelkritiker möglichst Imperative und Schimpfwörter vermeiden sollten.

Interessant ist übrigens der Spiegelartikel zum Thema, der die Aussagen zum Fall Helen Thomas nicht untersucht, sondern sie einfach so stehen läßt wie sie gemacht wurden.

Dort offenbart sich beispielsweise der logische Fehler, die Situation der Juden mit denen der Schwarzen in den USA zu vergleichen. Die Schwarzen kamen nicht als Besatzer in die USA, um dort ihren eigenen Staat zu gründen, sondern wurden gegen ihren Willen verschleppt, ihrer Sprache und Kultur beraubt, erniedrigt, mißhandelt, … . Wenn sich die Situation der Israelis/Palästinenser überhaupt analog auf den amerikanischen Kontinent übertragen läßt, dann auf die Situation der Indianer, die durch Europäer an den Rand der Ausrottung getrieben wurden, deren Geschichte kaum Beachtung findet und die heute in Reservaten leben. Wobei in diesem konkreten Beispiel die Juden den Europäern und die Palästinenser den Indianern gleichzusetzen sind. Umgekehrt hätten wohl die Palästinenser nichts dagegen wenn jemand fordert, daß sie da hingehen sollen wo sie herkommen: ins sogenannte heilige Land.

Nach 67 (!) Dienstjahren konnte Helen Thomas sich nicht dagegen behaupten fälschlich als Antisemitin gebrandmarkt und so gezwungen zu werden ihren Posten aufzugeben. Die Welt wartet immer noch auf die antisemitismuskeulesichere Weste.

Und noch immer steht es 1:0 für Canis Lupus, trotz der einen oder anderen gefährlichen Torchance auf Seiten von Homo Sapiens.

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Naher Osten

Im Libanon soll wieder geschossen werden

Der erste Schuss fiel am 13. April 1975, als ein Phalangistisches Kommando im Beiruter Vorort Ain El Rummaneh bei einem Angriff auf einen palästinensischen Bus mehrere Duzend Menschen ermordeten. Das war der Anfang vom gut 15 Jahre dauernden Libanesischem Bürgerkrieg. Es klingt wie ein verspäteter Aprilscherz, dass jetzt, wo sich das Datum zum 35. Mal jährt, wieder geschossen werden soll. Das Kommando kommt diesmal sozusagen aus der Nationalen Auswahl und tritt auf dem Rasen an.

Mitglieder des Parlaments und der Regierung wollen nämlich zum Jahrestag des Ausbruchs des Bürgerkriegs auf dem Fußballplatz gegeneinander antreten. Unzwar nicht etwa in einer Aufstellung „12. März“ gegen „14. März„-Block. Unter dem Motto „Wir sind alle eine Mannschaft“ treten zwei Teams gegeneinander an, die jeweils mit Spielern aus verschiedenen Fraktionen, Regionen und Konfessionen des Zedernstaats besetzt sind. Zwei Halbzeiten à 15 Minuten lang soll eine Auswahl der politischen Elite in weißen und roten Trikots ihr fußballerisches Können beweisen. Sport und Jugendminister Ali Abdullah verriet dem Daily Star, dass die Botschaft sei, dass „trotz aller politischen Differenzen Sport für alle da ist und auch alle vereint.“

Nicht ganz Richtig ist die Aussage, dass Sport für alle da sei, vor dem Hintergrund, dass das Spiel nicht öffentlich ausgetragen wird. Aus Furcht vor Ausschreitungen bleibt das Match im größten Stadion des Landes „in Übereinstimmung mit aktuellen Regelungen des Libanesischen Fußballverbandes“, eine Veranstaltung nur unter Politikern. Dafür sind neben dem Präsidenten Michel Suleiman, Premier Saad Harriri und Parlamentspräsident Nabih Berri auch Präsidenten von verschiedenen Sportverbänden, Botschafter und ehemalige politische Verantwortliche mit von der Partie.

„Sport lehrt dem Sieger anmutig zu bleiben und dem Verlierer mit seiner Niederlage zu leben“, so der Sportminister. Tatsächlich war es etwa solch ein Verhalten, das Libanon im letzten Jahr aus einer erneuten Krise gerettet hat. Die Opposition, die die Wahl verloren hatte blieb forderte trotz massenhafter Indizien für Wahlfälschung keine Neuauflage, nichteinmal eine Untersuchung. Die damalige Regierungsfraktion unter Führung Harriris zeigte dafür, wenn auch mit monatelanger Verzögerung, Besonnenheit und ging auf eine Regierung der nationalen Einheit mit der Opposition ein.

Kenner des Libanons sind aufgrund der Erfahrung mit der Geschichte des vielseitigen Landes gewöhnlich skeptisch bei positiven Nachrichten von der Levante. Viel zu oft war die Ruhe im Land eine Trügerische, die Allianzen, die für richtigen Frieden sorgen sollen eher Übergangslösungen. Dem gewöhnlichen Libanesen auf der Straße wird angeblich sogar langweilig und er fragt nach „Action“, wenn es länger keinen Krieg, gewaltsame Ausschreitung oder doch zumindest eine Massendemonstration gegeben hat. An diesem grundsätzlichen Pessimismuss im Hinblick auf die Versöhnung wird natürlich auch ein Fußballspiel so schnell nichts ändern. Jedoch haben die letzten Monaten in Beirut und im Rest des Landes Annäherungen in den politischen Blöcken gebracht, die noch vor zwei Jahren nicht vorstellbar waren. Deshalb sei heute Politruc die Prognose erlaubt (auch wenn schon falsche Vorhersagen hier gemacht wurden) in diesem Match ins einen weiteren Startschuss für einen zu mindest im Inneren befriedeten Libanon zu sehen.

co-published: politruc.com

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Den pro-Westlern schwimmen im Libanon die Felle davon

Um es salopp auszudrücken, häufig reicht in Ländern der dritten Welt schon ein einziges Argument aus, um als Politiker oder Fraktion die Popularität und Unterstützung der Bevölkerung zu gewinnen: Man muss sich glaubhaft gegen westlichen Imperialismus profilieren. Interessantestes Beispiel für den Verlust westlichen Einflusses ist aktuell Libanon mit der immer weiter schrumpfenden pro-westlichen Allianz „14. März“

Obwohl diese Allianz bei den libanesischen Parlamentswahlen im Juni letzten Jahres weniger Stimmen als die Opposition gewann, hatte sie diese aufgrund unproportionaler Gewichtung der Wahlkreise gewonnen. Bemerkenswerterweise ging es für sie danach nur noch bergab. Mehr als vier Jahre erbitterter Machtkampf zwischen der Opposition um Hisbollah, Amal, derm Christenführer Michel Aoun und mehreren Sozialistischen Parteien auf der einen Seite und den 14.März-Kraften um Harriri, Djumblat, den Phalangisten und der Lebanese Force auf der Anderen gingen dem voraus. Der Drusenführer im multikoinfessionellen Zedernstaat Walid Djumblat, zeitweise auch als „Wetterfahne der libanesischen Politik“ bezeichnet, war der erste der offiziel seinen Austritt aus dem Bündnis erklärte.

Klang es im September letzten Jahres noch wie eine Ausrede, so scheint Djumblats damalige Begründung zum Verlassen des Bündnisses klar und einleuchtend, auch für das darauf folgende Brökeln der ganzen Allianz: Seine Mitgliedschaft im 14.März-Block geschah aus Gründen der Notwendigkeit und müsse nun enden. Dazu ist zu sagen, dass das Bündnis im Frühjahr nach dem tödlichen Anschlag auf den ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Harriri als anti-syrischer Block gebildet worden war und lange als pro-westlich bezeichnet wurde. Durch Massendemonstrationen gelang es dem Bündnis in der sogenannten Zedernrevolution der Anwesenheit syrischer Truppen in Libanon nach 29 Jahren ein Ende zu setzten. Die Notwendigkeit von der Djumblat sprach war dementsprechend schlicht und einfach die Feindschaft gegen den östlichen Nachbar Syrien.

In den letzten Monaten und vor allem am letzten Wochenende zeigte sich wieder in aller Deutlichkeit, dass Allianzen, die sich gegen etwas formieren häufig von kurzer Dauer sind. Die Drehscheibe des Bündnisses, Ministerpräsident Saad Hariri, Sohn des ermodeten Ministerpräsidenten Rafik, besuchte nämlich Damaskus im Dezember letzten Jahres und will es angeblich schon wieder tun. Vor zwei Jahren, als die Reihen des 14.März-Bündnisses noch fest geschlossen in Syrien den Mörder seines Vaters sahen, war dies noch eine Unmöglichkeit. Auch Djumblat hat am vergangenen Wochenende seine halbe Drehung vom Bündnis zu einer Kompletten gemacht. In einem Interview mit dem größten Fernsehsender der arabischen Welt entschuldigte er sich öffentlich für seine eklatanten und undiplomatischen Ausschweifungen Richtung Damaskus in der Vergangenheit.

Was nun von 14.März übrig geblieben ist zeigte sich am Sonntag beim Jubiläum zum fünfjährigen Bestehen der Allianz. Djumblat fehlt, weil bereits offiziell ausgetreten, Amin Gemayel, Chef der Phalangisten und ebenfalls ein Urgestein des Bündnisses blieb wegen „Bedenken“ fern. Doch am schlimmsten traf das Fernbleiben Hariris die Feierlichkeit. Extra für ihn wurde die Pressekonferenz auf den Morgen geschoben, damit er noch vor seinen Abflug zu seinem Besuch nach Deutschland Zeit finde, auch teilzunehmen. Doch er kam nicht. Al-Manar, ein der mit dem 14.März-Bündnis rivalisierenden Hisbollah nahe stehendem Sender, schrieb schadenfroh mit Bezug auf die Zedernrevolution: „Der Geburtstag […] war gezeichnet durch die Abwesenheit der Zedern von der Revolution.“

Kommentar:
Eine politische Strömung, Allianz, ein Block oder auch was auch immer wird nie dauerhaft Bestand haben können, wenn es kein Ziel gibt FÜR das man kämpft und sich einsetzt, sondern nur etwas WOGEGEN man ist. So ist es auch mit dem 14-März-Bündnis im Libanon geschehen. Lange galten sie, vor allem hierzulande als pro-westlich. Es war wahrscheinlich ein schönes Gefühl für die Journalisten von Bild, Welt, Zeit und Co. mal von wirklich unabhängigen Freunden des westlichen Imperialismus in der arabischen Welt berichten zu können (im Gegensatz zu den ganzen von westlichen Geldern, Waffen und Truppen abhängigen lupenreinen Diktaturen wie Jordanien, Saudi Arabien oder Ägypten). Aber es war wohl zu schön um wahr zu sein. Tatsächlich war das einzig wirksame Integrationsmittel des 14.März-Blocks seine Gegnerschaft zu Damaskus. Wirkliche Ziele vor Augen halten da länger. Walid Djumblat wird seine politischen Wurzeln – zwar ist seine Partei faktisch eine Drusenpartei, war sie jedoch mal sozialistisch- nicht vergessen haben. Auch Hariri wird in Erinnerung haben, dass sein Vater ein Befürworter eines von Syrien UND dem Westen unabhängiges Libanons gewesen ist.

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