Naher Osten

Die arabische Welt

Gerade wurden wieder mal im Fernsehen Qualitätsunterschiede zwischen den Sendern deutlich. Auf RTL war von Aufständen in der islamischen Welt die Rede, während das ZDF korrekt über Aufstände in der arabischen Welt berichtet hat.

Liebe RTL-Redakteure, habt ihr euch mal angeschaut, welche Länder vorwiegend islamisch sind und welche nicht? Es leben beispielsweise mehr Moslems auf dem indischen Subkontinent als es arabische Moslems gibt. Also Moslem ist nicht gleich Araber und auch Araber ist nicht gleich Moslem. Gerade in Ägypten und in den Ländern des fruchtbaren Halbmondes leben einige arabische Christen.

Was lernt der Zuschauer daraus? RTL ist Fernsehen von Idioten für Idioten.

Abgesehen von der seltsamen Berichterstattung deutscher Medien über die Ereignisse in der arabischen Welt – die im übrigen auch sehr spät eingesetzt hat-, sind mögliche Implikationen der Veränderungen wichtig. Vielleicht wird es Veränderungen auf der Landkarte geben, so hat sich letztens der Sudan in Nord- und Südsudan geteilt. Es wäre denkbar, daß sich der arabische Norden mit Ägypten vereinen würde, schließlich gibt es da eine lange historische Bindung. Ebenfalls den Ägyptern kulturell ähnlich, sind die Libyer. Wenn es dort zum Umsturz kommen sollte, könnten die drei Länder Ägypten, Sudan und Libyen sich vereinen. Ob das wirklich geschieht und ob es sinnvoll ist, ist eine andere Frage. Eventuell könnten die Unterschiede aus der Zeit der Kolonialisierung – in Ägypten und Sudan waren die Engländer, in Libyen die Italiener – problematisch werden, wenn die Verwaltungsapparate zu unterschiedlich sind. Ein ähnliches Problem hatte Somalia, das auch aus einem britischen und italienischen Teil geschaffen wurde.

Was auch immer passiert, die nächste Zeit wird Veränderungen mit sich bringen.

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Web

Kognitiv optimierte Informationsverwurstung

Erinnert sich noch jemand an das grandiose Newswipe-Template für einen TV-Nachrichtenbeitrag?

Hier (Lesebefehl weil witzisch!) gibt es jetzt eins für einen Textmedien-Artikel über ein wissenschaftliches Paper. Wie sehr sich der Autor über Suchmaschinenoptimierung, von Kognitions-Psychologen und PR-Spezialisten ausgeforschte Lese- und Aufmerksamkeitsspannen und die Rechercheunwilligkeit seiner Kollegen mockiert, deutet schon darauf hin, wie voll er die Schnauze haben muss. Es nervt ja auch tatsächlich, wenn gerade Online-Artikel nicht den Eindruck erwecken, Information zu vermitteln, sondern sie nur so zu verwursten, dass Klicks generiert werden.

Im angelsächsichen Raum scheint es jedenfalls so zu sein, dass man sich dafür noch auf die Schippe nehmen darf. In Deutschland jedenfalls werden selbst mit miesesten Tricks Klicks gezogen. Exemplarisch dieser Stern-Artikel hier (auch wenn es mir widerstrebt, ihm noch mehr Zugriffszahlen zu bescheren).

Nach Amoklauf in Lörrach – Das Web spottet zitiert zwei bis drei dämlich-hämische Twitter-Nachrichten und analysiert darauf aufbauend den angebl. sarkastischen Umgang „der Netzgemeinde“ mit solchen Tragödien. Auf ein paar Widersprüche in sich sollte ich hier wohl hinweisen:

„Ausgebildete Journalisten sind darin geschult, sensibel mit Daten von Personen umzugehen und Fakten zu recherchieren.“
Errrr… wut? Wenn sie darin geschult sind, warum tun sie es dann so selten (s.o.)? Warum werden oft Agenturmeldungen suchmaschinenoptimiert für die Webseite umgeschrieben und unkommentiert durchgeleitet? Google und Wikipedia sind keine Recherche- sondern eher Nachschlagewerkzeuge.

„Bei Twitter hingegen steht die Meinung schnell fest.“
Nein. Twitter ist kein homogener Organismus. Insbesondere lässt der Stern zugunsten seiner Hetze gegen „die Netzgemeinde“ all jene unter den Tisch fallen, die ihr Entsetzen oder ihr Bedauern zu diesem Amoklauf ausgedrückt haben. Recher…what?

On a side note: sollten plötzlich auffällig viele Twitter-Accounts dasselbe verkünden, so ist zunächst auf Astroturfing zu prüfen. Wie, wat, gibz nich? Verschwörungstheorie? Schnauze! Kauf dir doch einfach mal schnell 100000 follower für deine facebook-Gruppe!

„…für ein Medium (Anm. Twitter), welches von vielen fälschlicherweise als die Zukunft des Journalismus betrachtet wird.“
Twitter != Journalismus.
—> ein auf Twitter basierender Artikel != ein journalistischer Artikel.
—> dieser Stern-Artikel != journalistisch.
Gratulation zur Selbstentlarvung.

„Schlagwörter: Amoklauf Blog Drama Häme Hello Kitty Heribert Rech Jörg Kachelmann Killerspiel Lehre Lörrach Sebastian Deisler Text Tragödie Trauer Twitter User Verbot WEB Winnenden Wolfgang Bosbach“
Seht ihr, was ich mit Suchmaschinenoptimierung meine? Also bitte, Hello Kitty, was zum Fick bin ich lesend?

Ehrlicher wäre gewesen, diesen Stern-Artikel mit „Amoklauf in Lörrach — stern.de jubiliert schon über höhere Klickzahlen“ zu überschreiben. Denn der Informationsgehalt geht gegen Null und es wird aufgrund nicht repräsentativer Einzelmeinungen auf einer „Netzgemeinde“ rumgehackt. So ein Verhalten nennt man übrigens auch Trollen, hier mit dem Ziel, dass die provozierten Reaktionen Klicks generieren.

Das Perfideste daran ist freilich, dass die Vorwürfe an die Netzgemeinde direkt auf den Stern-Autor zurückfallen: zynisch instrumentalisiert er die Tragödie des Amoklaufs für seinen Mumpitz-Artikel.

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Naher Osten

Zweite Halbzeit

Nachdem in der ersten Halbzeit das Team Canis Lupus mit 1:0 in Führung gegangen ist, kommt die Mannschaft des Homo Sapiens mit Siegeswillen aus der Kabine. Es kann schließlich nicht sein, daß man gegenüber einem so vermeintlich unterlegenen Gegner keinen Sieg heimfährt.

Mensch und Hund gleichwertig? Beim Konter der Menschen wird das Argument gebracht, daß Menschen die Fähigkeit haben sich sprachlich, also per Laute die Symbolcharakter haben und deren Interaktion untereinander durch Grammatiken bestimmt wird, über Sachverhalte austauschen zu können. Aber die Defensive des Canis Lupus bleibt davon unbeeindruckt. Das Argument läßt sich durchaus entkräftigen, denn Inhalt scheint bei zwischenmenschlicher Kommunikation nicht immer die wichtigste Rolle zu spielen. So wird beispielsweise in einer Gesprächssituation – ähnlich wie bei Hunden – die Rangordnung durch die Tonhöhe deutlich.

Ein sehr bekanntes Beispiel dafür, daß der Ton wichtiger ist als der Inhalt, war vor etwa einem Monat besonders in der amerikanischen und israelischen Presse zu vernehmen: der Fall Helen Thomas.

Helen Thomas ist oder besser gesagt war eine Journalistin, die 1920 in eine Familie libanesischer Einwanderer in Kentucky hineingeboren wurde. Sie begann 1943 ihre journalistische Tätigkeit und nahm als eine der ersten Journalistinnen im Weißen Haus eine Vorreiterrolle für die Emanzipation ein.

Grund des Anstoßes ist ein Video, welches öffentlich verfügbar ist.
Hier ein Transkript des relevanten Teils des Videos:

Helen Thomas: Tell ‚em [the Israelis] to get the hell out of Palestine! … Remember, these people [Palestinians] are occupied and it’s their land, it’s not German, it’s not Poland.
Rabbi David Nesenoff: So where should they go? What should they do?
Helen Thomas: They go home.
Rabbi David Nesenoff: Where is home?
Helen Thomas: Poland, Germany, …

Übersetzung:

Helen Thomas: Sagt ihnen [den Israelis], daß sie verdammt nochmal aus Palästina verschwinden sollen! Denkt daran, daß die Leute [die Palästinenser] unter Besatzung stehen und daß das Land ihnen gehört. Das Land ist nicht deutsch oder polnisch.
Rabbi David Nesenoff: Wo sollen sie hingehen? Was sollen sie tun?
Helen Thomas: Sie sollen nach Hause gehen.
Rabbi David Nesenoff: Wo ist ihr Zuhause?
Helen Thomas: Polen, Deutschland, …

In der Presse wurde sie dann -wie nicht anders zu erwarten war- als Antisemitin dargestellt.

Was war an ihrer Aussage nun antisemitisch? Die Aussage, daß die meisten israelischen Juden eigentlich Europäer bzw. nicht die Ureinwohner des heutigen Israels sind, wird beispielsweise auch vom israelischen Historiker Shlomo Sand unterstützt, der davon ausgeht, daß sich das Judentum durch Missionierung verbreitet hat und daß Palästinenser, die zum Christentum und zum Islam konvertierte indigene Bevölkerung darstellen, die vor der Konversion mehrheitlich jüdischen Glaubens war. In der Tat ist es etwas fraglich, ob insbesondere äthiopische Juden (Falascha), Chasaren oder Meshuhrarim wirklich von den ersten Juden abstammen. Nicht nur Shlomo Sands Argumente sprechen dafür, daß die ursprüngliche Heimat vieler Juden nicht Israel ist, auch viele Juden unterstützen beispielsweise die Aussage indem sie die Möglichkeit wahrnehmen eine weitere europäische Staatsangehörigkeit anzunehmen, u.a. auch die Deutsche, ohne daß ein Einbürgerungstest nötig ist. Das bedeutet, daß sie also auch vor dem deutschen Gesetz Deutsche sind. Welch seltsame Übereinstimmung mit der Meinung von Helen Thomas.

Es ist folglich nicht der Inhalt der Aussage von Helen Thomas, sondern der Ton ihrer Aussage der den Eklat hervorgerufen haben muß, wobei wir wieder bei dem Thema Hund-Mensch-Kommunikation sind, wo weniger das Gesagte als die Art des Sagens eine Rolle spielt. Das bedeutet, daß Israelkritiker möglichst Imperative und Schimpfwörter vermeiden sollten.

Interessant ist übrigens der Spiegelartikel zum Thema, der die Aussagen zum Fall Helen Thomas nicht untersucht, sondern sie einfach so stehen läßt wie sie gemacht wurden.

Dort offenbart sich beispielsweise der logische Fehler, die Situation der Juden mit denen der Schwarzen in den USA zu vergleichen. Die Schwarzen kamen nicht als Besatzer in die USA, um dort ihren eigenen Staat zu gründen, sondern wurden gegen ihren Willen verschleppt, ihrer Sprache und Kultur beraubt, erniedrigt, mißhandelt, … . Wenn sich die Situation der Israelis/Palästinenser überhaupt analog auf den amerikanischen Kontinent übertragen läßt, dann auf die Situation der Indianer, die durch Europäer an den Rand der Ausrottung getrieben wurden, deren Geschichte kaum Beachtung findet und die heute in Reservaten leben. Wobei in diesem konkreten Beispiel die Juden den Europäern und die Palästinenser den Indianern gleichzusetzen sind. Umgekehrt hätten wohl die Palästinenser nichts dagegen wenn jemand fordert, daß sie da hingehen sollen wo sie herkommen: ins sogenannte heilige Land.

Nach 67 (!) Dienstjahren konnte Helen Thomas sich nicht dagegen behaupten fälschlich als Antisemitin gebrandmarkt und so gezwungen zu werden ihren Posten aufzugeben. Die Welt wartet immer noch auf die antisemitismuskeulesichere Weste.

Und noch immer steht es 1:0 für Canis Lupus, trotz der einen oder anderen gefährlichen Torchance auf Seiten von Homo Sapiens.

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Naher Osten

Hunde können mehr als Menschen

Ging man früher davon aus, daß Hunde nur schwarz-weiß sehen können, so weiß man heute, daß sie (begrenzt) Farben wahrnehmen können. Damit scheinen sie ihren Besitzern überlegen zu sein, denn der Homo sapiens tendiert dazu Dinge nur schwarz-weiß zu sehen.

In den vergangenen Tagen wurde sowohl von dem Nachrichtendienst Associated Press, als auch von Al Jazeera berichtet wie Demonstranten in Kairo von Polizisten niedergeschlagen und verhaftet wurden. Die Tagesschau beispielsweise, als Sprachrohr des Berliner Regimes, hat nichts darüber berichtet. Eine Google-News-Suche ergibt, daß nur die Stuttgarter Zeitung und Zeit Online im deutschen Sprachraum darüber berichtet haben.

Das geringe Interesse ist seltsam, schließlich werden in den westlichen Medien doch gerne Bilder fanatischer Massen von Orientalen gezeigt. Vermutlich liegt der Grund der fehlenden Berichterstattung in dem Anlaß für die Demonstrationen. Es wurde nicht der Tod von Comiczeichnern (, die diffamierende Zeichnungen eines Religionsstifters angefertigt haben,) gefordert. Es wurde auch nicht gegen eine islamische Regierung demonstriert und so dem westlichen Zuschauer klar zu machen wie gut er es doch in seinem kapitalistischen Land hat. Noch wurden Israel- oder Amerikaflaggen verbrannt, was dem Feindbild des Orientalen entsprechen würde.

Stattdessen wurde gegen die ägyptische Folterpraxis und damit für mehr Menschenrechte demonstriert. Es muß schon sehr unangenehm sein kritisch über eine befreundete Diktatur zu berichten, die seit fast 30 Jahren den Notstand ausgerufen hat, um so seine Macht zu festigen. Ebenso schwer muß es sein die dortige Bevölkerung als zurecht aufgebracht zu zeigen, es bestünde nämlich noch die Gefahr, daß man sich mit den einfachen Menschen anderer Völker identifiziert. Das wäre ein Albtraum für jede imperialistische Regierung, wenn die eigene Bevölkerung Bedenken hinsichtlich des Umganges mit Völkern bekommt, die von strategischem oder wirtschaftlichem Interesse sind.

Anscheinend ist kein Interesse da, wenn Menschen im Namen eines Staates gefoltert werden. Das kennt man schon von den Amerikanern und bei vielen anderen Verbündeten wie Jordanien macht man besser beide Augen zu und lobt sie als vorbildliche Staaten.

Auch Meldungen aus dem Judenstaat, daß dunkelhäutige Juden dort öffentlich beschimpft werden, sucht man vergeblich im deutschen Sprachraum, schließlich könnte noch das Bild entstehen Juden seien ein gewöhnliches Volk – sofern sie denn ein Volk sind, man beachte die Arbeit von Shlomo Sand – , das, sowie andere Völker auch, verachtens- oder schon fast bemitleidenswerte Spinner unter sich hat.

Im kollektiven Bewußtsein des deutschen Volkes dürfte sich das Auslassen solcher Nachrichten getreu John Pilger auswirken: worüber nicht berichtet wird, das ist auch nicht passiert. Ein differenziertes Bild ist also nicht möglich. Wozu brauchen Menschen dann eigentlich HD-Fernsehen?

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Übrigens

Ceterum censeo

„Über jede Sache kann man zwei Reden halten.“ (Protagoras)

Man betrachte folgende Paarungen: „aufstrebender Badeort / Großbaustelle am Meer“, „Mauer / antifaschistischer Schutzwall“, „Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen! / …geschossen!“, „Terrorist / Freiheitskämpfer“, usw. usf.

Faszinierend für mich als Linguisten, aber fangen wir vorne an. Bei der kognitiven Meisterleistung, aus irgendwelchem akustischen Gestammel und Geblubber einen Sinn zu ziehen, brauchen wir eine fundamentale Annahme: wir unterstellen dem Wahrgenommenen a priori, es habe Sinn. Erst wenn wir beim „Entschlüsseln“ auf Widersprüche, kognitive Dissonanzen, stoßen, versuchen wir (wohlwollend) Sinn hinzuzufügen oder das bisher Entschlüsselte nochmal zu überarbeiten. Dieser Prozess findet auf allen sprachlichen Ebenen statt.

So ist nachvollziehbar, wie diese Art von Manipulation funktioniert: wird keine kognitive Dissonanz ausgelöst, werden die (hier in knackige Begriffe) verpackten Konzepte vom Entschlüssler mit übernommen und deren Vorbedingungen wiederrum als wahr angesehen (sonst wäre die Übermittlung eines solchen Konzeptes schließlich gescheitert). Und auf der Bedeutungsebene von Sprache lässt sich eine Dissonanz nur durch unvollständige oder gegenteilige Faktenlage und das definitive Wissen darum auslösen. Schwierig, wenn uns als integer und professionell geltende und (wenn man Glück hat) im Reden, in ihrer Stimme und Körpersprache geschulte Menschen über weit entfernte Dinge erzählen und so suggerieren, ihre Kenntnis der Fakten sei vollständig und die Vorbedingungen ihrer Konzepte deswegen gültig und vermittelbar.

Bei jeder obskuren Gebrauchtwagenanzeige würde man denken: „Hm, den Wagen besser nochmal selbst anschauen“. In einem einseitigen Kommunikationskanal wie einer Rede, den Printmedien, dem Radio und Fernsehen will allerdings selten jemand aus der Masse der Empfänger herausstehen, sollte er meinen, ihm würde da gerade etwas „untergejubelt“. Keine Ahnung warum, ist nur ein empirischer Befund, also ab, den Psychologen und Soziologen fragen. Dies bezieht sich auch auf diejenigen, die Informationen empfangen (leider seltener als investigativ sammeln), umgruppieren, (leider selten) reflektieren und so aufbereitet weiterreichen. Die Journalisten.

Und dies bringt mich nun nach langer Vorrede zum Lesetipp: Journalism and the ‚words of power‘ von Robert Fisk, Nahostkorrespondent des Independent.

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.de – Land der Nebelsätze

Helmut Kohl – der Mann der Gegensätze“ titelt Corinna Emundts auf tagesschau.de und versucht sich damit an einem Euphemismus (sicher eines der Top-Worte hier im Blog). Wer im Handeln Helmut Kohls Gegensätze erkennt, wird auch in Graf Zahl ein fröhlich schimmerndes Kaleidoskop bunt-verschiedener Persönlichkeiten erblicken. Mit „XXX der Gegensätze“ zu titeln, ist dabei selbst schon ein Schritt in die journalistische Jauchegrube.  Googlet man nach „Land der Gegensätze“ wird man wohl kaum ein Land finden, dass nicht unter den Google-Hits auftaucht – doch zurück zum Inhalt des Tagesschau Artikels.

Wörtlich heißt es dort über Helmut Kohl:

„Als Politiker fällt er durch seine Widersprüchlichkeit auf. Als einer, bei dem Erfolgshöhen und -Falltiefen ganz nah beieinander liegen. „Er ist der einzige Deutsche seiner Generation, der Weltgeschichte geschrieben hat“, schrieb Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“ über ihn.“

Wer so die Süddeutsche zitiert will auch bei der Falschaussage mitmachen. Denn Weltgeschichte schrieb auch der ebenfalls 1930 geborene Bubi Scholz. Aus dem selben Jahrgang stammt auch Armin Mueller-Stahl, den ich, mich den selben rhetorischen Mitteln wie Prantel und Emundts bedienend, mit den Worten zitieren möchte:

Kunst muss gutmachen, was Politiker versauen“.

Denn es ist eben nicht Kohl, dem die Gegensätze innewohnen, sondern der Staatsapparat, dem er lange Jahre vorsaß. Wenn Helmut Kohl keine Lust hat andere und sich selbst zu beschuldigen und einer Straftat überführt zu werden, so ist das zunächst keine Überraschung. Verurteilungen und Strafen will man entgehen, sonst wären die Strafen keine Strafen. Der Witz der ganzen CDU-Spendenaffäre war, dass Helmut Kohl nicht in Beugehaft genommen wurde, um die Namen der Spender preis zu geben.

Der „Gegensatz“, den Emundts in der Persönlichkeit Kohls erkannt haben will, liegt im schizophrenen System, dass im Grundgesetz Art 3, Abs 1, behauptet „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ – zugleich aber manche Menschen, wie den „Vater der Einheit“ (Bild), dann doch nicht als „gleich“ erachtet, sondern als etwas ganz besonderes. Bleibt zu fragen, wie die „Gegensätze“ in Corinna Emundts Gedankenwelt zustande kommen. Sie schreibt:

„Widersprüchlichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch Kohls Biografie. Er hatte häufig ein Gespür für interessante Köpfe, scharte sie um sich und holte sie in Ämter. (…) Das System Kohl duldete keinen Widerspruch.“

Nun, scheinbar hat sich hier jemand gedacht, das Wort Journalist kommt von der „List“ eines „Journals“, eine unreflektierte Privatmeinung wie eine erwiesene Tatsache erscheinen zu lassen.

Gewollte Fehlinformation und sinnfreies Gebrabbel kann man im Sinne des Diskordianismus durchaus für gut befinden. Allerdings hat es den Preis, dass Corinna Emundts Artikel auf tagesschau.de auf die Ebene von Playboy Leserbriefen und 70er Jahre Literatur des anarchistischen Science-Fiction gestellt werden müssten, oder noch darunter. Nun denn, dies ist ein kleiner Preis und ich denke wir sollten ihn bezahlen.

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Propaganda

War on public opinion

Als ich in einem rezenten Post den „Krieg für Demokratie und Menschenrechte“ als Propagandamasche bezeichnet habe, lag ich damit offenbar genau auf der Linie von CIA-Analysten. Ein heute auf wikileaks veröffentliches Dokument der CIA erörtert Medienstrategien, um die öffentliche Meinung in Frankreich und Deutschland zugunsten des ISAF-Mandats zu beeinflussen und so einem Ausstieg aus dem Krieg samt Regierungswechsel, wie in den Niederlanden geschehen, vorzubeugen. Schon der erste Absatz ist ein Brecher:

Public Apathy Enables Leaders To Ignore Voters.

The Afghanistan mission’s low public salience has allowed French and German leaders to
disregard popular opposition and steadily increase their troop contributions to the
International Security Assistance Force (ISAF).

Damit diese geistige Dumpfheit auch so erhalten bleibt, wird mehrerlei empfohlen. Es sei bspw. opportun, Umfragen herauszutellen, in denen Afghanen die NATO- und ISAF-Präsenz im Land befürworten (zu ca. zwei Dritteln). Eine verlässliche Umfrage dazu gebe es, so im Dokument. Damit ist wohl diese hier gemeint, an der etwa 1500 AfghanInnen teilgenommen haben. Sicherlich muss man dieses Ergebnis auch zur Kenntnis nehmen, eine politische Mehrheit ist es aber noch lange nicht.

Aber auch völlig jeder empirischen Grundlage entbehrende Manipulationen werden vorgeschlagen:

For example, messages that illustrate how a defeat in
Afghanistan could heighten Germany’s exposure to terrorism, opium, and refugees
might help to make the war more salient to skeptics

sowie das von mir schon thematisierte Holzhammerargument zum Abschluss:

Emphasis on the mission’s multilateral and humanitarian aspects could help ease
Germans’ concerns about waging any kind of war […]

Und das, meine Damundherrn, ist natürlich heftiger Tobak. Da in dem gesamten Dokument die Frage nach dem „Wie?“ überhaupt nicht gestellt wird, kann davon ausgegangen werden, dass die Beeinflussung der Medienöffentlichkeit ein zuverlässig greifender und erprobter Mechanismus ist. Ich wünsche also viel Spaß dabei, kommende Medienbeiträge mit der beschriebenen Stoßrichtung ausfindig zu machen.

Bei wikileaks ist sowieso gerade die Kacke am Dampfen. Am 5. April ist die Veröffentlichung eines Videos geplant, welches ein Massaker an afghanischen Zivilisten durch US-Angriffe belegt. Wahrscheinlich deshalb geht es gerade zu wie im James-Bond-Film: Überwachen, Verfolgen, Festnehmen von Leuten aus dem Dunstkreis des einzig nicht-anonymen wikileaks-Mitarbeiters Julian Assange. Interessierte finden hier sein Statement zu diesen Vorgängen.

Auf der anderen Seite stimmt ein Abschiedsartikel eines der Urgesteine des amerikanischen investigativen Journalismus, Paul Craig Roberts, traurig. Der ehemalige Redakteur und Kolumnist des Wall Street Journal sowie der Business Week geht darin mit den Konzernmedien sehr hart ins Gericht, wie z.B. hier:

The Council of Europe is investigating the drug companies’ role in hyping a false swine flu pandemic in order to gain billions of dollars in sales of the vaccine.

The media helped the US military hype its recent Marja offensive in Afghanistan, describing Marja as a city of 80,000 under Taliban control. It turns out that Marja is not urban but a collection of village farms.

And there is the global warming scandal, in which NGOs, the UN, and the nuclear industry colluded in concocting a doomsday scenario in order to create profit in pollution.

Wherever one looks, truth has fallen to money.

und trifft die lakonische Feststellung:

The American corporate media does not serve the truth. It serves the government and the interest groups that empower the government.

Die absolut verbitterte Grundhaltung dieses Artikels macht es leider leicht, ihn als Rundumschlag abzutun; als Revanche dafür, im „harmonisierten“ (chinesicher Ausdruck für „zensierten“) Medienkonzert als dissonante Stimme erst schräg angeschaut und dann ausgegrenzt worden zu sein. Und ja, somit ist Harmonisierung, ob nun de jure oder de facto, wirklich Zensur.

Während also auf der einen Seite die Waffen gestreckt werden, wünsche ich andererseits wikileaks Erfolg auf ganzer Linie. Der Kampf um die Meinungshoheit in Massenmedien scheint momentan nur mehr Spiegelfechterei, Blendwerk zu sein; solche Projekte wie wikileaks werden also von Geheimdiensten zu Recht als Bedrohung wahrgenommen. Da wikileaks ja auf anonyme Quellen innerhalb der betroffenen Organisationen angewiesen ist, sollten sich die schlauen Dienste allerdings ein paar andere Fragen stellen. Ob sie zum Beispiel vergessen haben, dass an allen Stellen, in allen Organisationen, Menschen sitzen; davon mehr und mehr Menschen, die es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können, bei der Verheimlichung diverser Sauereien mitzumachen. Was es bedeutet, wenn das Aufdecken solcher Sauereien meistens einem Hochverrat, mindestens aber einem beruflichen Suizid gleichkommt. Und an welcher Art von Gesellschaft sie da eigentlich mitbauen.

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