Naher Osten

Israelische Mythen – Teil 2: Das Kriegswunder

Wie kann ein so kleines Volk so viele Armeen auf einmal schlagen? Das ist ein Zeichen dafür, daß Gott mit ihnen ist.

So oder so ähnliche Aussagen hört man, wenn es um den Sechstagekrieg von 1967 geht. Anstatt unüberlegt von einem Wunder zu sprechen, sollte man sich die damalige Taktik der israelischen Armee anschauen. Israel hat den Angriff auf seine Nachbarn minutiös geplant und vorbereitet. So wurden die Flugzeuge der arabischen Staaten am Boden und Landebahnen auf den Luftwaffenstützpunkten zuerst zerstört, um die Lufthoheit zu erlangen. Es handelte sich um einen Angriffskrieg, der die Nachbarn überraschte. Man kann also von einem Blitzkrieg sprechen.

Blitzkriege scheinen tendenziell für die Zivilbevölkerung erstaunliche Ausgänge zu haben. So ist es auch nicht verwunderlich, daß viele Deutsche davon überzeugt waren, daß Hitler ihr Erlöser sei, da seine Blitzkriege in kürzester Zeit massive Landgewinne einbrachten (bis die deutsche Armee in Großbritannien nicht weiterkam und in Stalingrad eine vernichtende Niederlage einstecken mußte).

Ähnliches ist den Arabern übrigens im Jom-Kippur-Krieg von 1973 auch gelungen: Durch das Überraschungsmoment und vorher abgestimmtes Vorgehen konnten sie die israelischen Verteidigungslinien durchbrechen.

Der Abnutzungskrieg (1967-1970) zwischen Israel und Ägypten, der kein Blitzkrieg war, brachte hingegen für keine Seite nennenswerte Gewinne.

Es handelte sich also weniger um ein Eingreifen Gottes als um eine spezielle Art der Kriegsführung. Wer dennoch nicht einsichtig ist, muß tatsächlich Hitler für den Gröfaz halten.

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Zweite Halbzeit

Nachdem in der ersten Halbzeit das Team Canis Lupus mit 1:0 in Führung gegangen ist, kommt die Mannschaft des Homo Sapiens mit Siegeswillen aus der Kabine. Es kann schließlich nicht sein, daß man gegenüber einem so vermeintlich unterlegenen Gegner keinen Sieg heimfährt.

Mensch und Hund gleichwertig? Beim Konter der Menschen wird das Argument gebracht, daß Menschen die Fähigkeit haben sich sprachlich, also per Laute die Symbolcharakter haben und deren Interaktion untereinander durch Grammatiken bestimmt wird, über Sachverhalte austauschen zu können. Aber die Defensive des Canis Lupus bleibt davon unbeeindruckt. Das Argument läßt sich durchaus entkräftigen, denn Inhalt scheint bei zwischenmenschlicher Kommunikation nicht immer die wichtigste Rolle zu spielen. So wird beispielsweise in einer Gesprächssituation – ähnlich wie bei Hunden – die Rangordnung durch die Tonhöhe deutlich.

Ein sehr bekanntes Beispiel dafür, daß der Ton wichtiger ist als der Inhalt, war vor etwa einem Monat besonders in der amerikanischen und israelischen Presse zu vernehmen: der Fall Helen Thomas.

Helen Thomas ist oder besser gesagt war eine Journalistin, die 1920 in eine Familie libanesischer Einwanderer in Kentucky hineingeboren wurde. Sie begann 1943 ihre journalistische Tätigkeit und nahm als eine der ersten Journalistinnen im Weißen Haus eine Vorreiterrolle für die Emanzipation ein.

Grund des Anstoßes ist ein Video, welches öffentlich verfügbar ist.
Hier ein Transkript des relevanten Teils des Videos:

Helen Thomas: Tell ‚em [the Israelis] to get the hell out of Palestine! … Remember, these people [Palestinians] are occupied and it’s their land, it’s not German, it’s not Poland.
Rabbi David Nesenoff: So where should they go? What should they do?
Helen Thomas: They go home.
Rabbi David Nesenoff: Where is home?
Helen Thomas: Poland, Germany, …

Übersetzung:

Helen Thomas: Sagt ihnen [den Israelis], daß sie verdammt nochmal aus Palästina verschwinden sollen! Denkt daran, daß die Leute [die Palästinenser] unter Besatzung stehen und daß das Land ihnen gehört. Das Land ist nicht deutsch oder polnisch.
Rabbi David Nesenoff: Wo sollen sie hingehen? Was sollen sie tun?
Helen Thomas: Sie sollen nach Hause gehen.
Rabbi David Nesenoff: Wo ist ihr Zuhause?
Helen Thomas: Polen, Deutschland, …

In der Presse wurde sie dann -wie nicht anders zu erwarten war- als Antisemitin dargestellt.

Was war an ihrer Aussage nun antisemitisch? Die Aussage, daß die meisten israelischen Juden eigentlich Europäer bzw. nicht die Ureinwohner des heutigen Israels sind, wird beispielsweise auch vom israelischen Historiker Shlomo Sand unterstützt, der davon ausgeht, daß sich das Judentum durch Missionierung verbreitet hat und daß Palästinenser, die zum Christentum und zum Islam konvertierte indigene Bevölkerung darstellen, die vor der Konversion mehrheitlich jüdischen Glaubens war. In der Tat ist es etwas fraglich, ob insbesondere äthiopische Juden (Falascha), Chasaren oder Meshuhrarim wirklich von den ersten Juden abstammen. Nicht nur Shlomo Sands Argumente sprechen dafür, daß die ursprüngliche Heimat vieler Juden nicht Israel ist, auch viele Juden unterstützen beispielsweise die Aussage indem sie die Möglichkeit wahrnehmen eine weitere europäische Staatsangehörigkeit anzunehmen, u.a. auch die Deutsche, ohne daß ein Einbürgerungstest nötig ist. Das bedeutet, daß sie also auch vor dem deutschen Gesetz Deutsche sind. Welch seltsame Übereinstimmung mit der Meinung von Helen Thomas.

Es ist folglich nicht der Inhalt der Aussage von Helen Thomas, sondern der Ton ihrer Aussage der den Eklat hervorgerufen haben muß, wobei wir wieder bei dem Thema Hund-Mensch-Kommunikation sind, wo weniger das Gesagte als die Art des Sagens eine Rolle spielt. Das bedeutet, daß Israelkritiker möglichst Imperative und Schimpfwörter vermeiden sollten.

Interessant ist übrigens der Spiegelartikel zum Thema, der die Aussagen zum Fall Helen Thomas nicht untersucht, sondern sie einfach so stehen läßt wie sie gemacht wurden.

Dort offenbart sich beispielsweise der logische Fehler, die Situation der Juden mit denen der Schwarzen in den USA zu vergleichen. Die Schwarzen kamen nicht als Besatzer in die USA, um dort ihren eigenen Staat zu gründen, sondern wurden gegen ihren Willen verschleppt, ihrer Sprache und Kultur beraubt, erniedrigt, mißhandelt, … . Wenn sich die Situation der Israelis/Palästinenser überhaupt analog auf den amerikanischen Kontinent übertragen läßt, dann auf die Situation der Indianer, die durch Europäer an den Rand der Ausrottung getrieben wurden, deren Geschichte kaum Beachtung findet und die heute in Reservaten leben. Wobei in diesem konkreten Beispiel die Juden den Europäern und die Palästinenser den Indianern gleichzusetzen sind. Umgekehrt hätten wohl die Palästinenser nichts dagegen wenn jemand fordert, daß sie da hingehen sollen wo sie herkommen: ins sogenannte heilige Land.

Nach 67 (!) Dienstjahren konnte Helen Thomas sich nicht dagegen behaupten fälschlich als Antisemitin gebrandmarkt und so gezwungen zu werden ihren Posten aufzugeben. Die Welt wartet immer noch auf die antisemitismuskeulesichere Weste.

Und noch immer steht es 1:0 für Canis Lupus, trotz der einen oder anderen gefährlichen Torchance auf Seiten von Homo Sapiens.

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Gaza: Synonym für Ungerechtigkeit und Überlebenskunst

Seit der mörderischen dreiwöchigen Bombardierung des Gazastreifens durch die israelischen Streitkräfte sind nun bald 15 Monate vergangen. Die Bilder der überproportional hohen Opfer in der palästinensischen Zivilbevölkerung – über 900 der etwa 1400 Toten waren Zivilisten – sind bis heute unvergessen. Das Leiden der Menschen im Gaza hat jedoch beim Stop der Bombardements am 18. Januar kein Ende gefunden. Die komplette Blockade des kleinen Gebiets, die schon seit 2007 besteht und seitdem permanent verstärkt und brutalisiert wurde, ließ seit Kriegsende keine Verbesserung der Situation zu.

Im Gegenteil: Die humanitäre Lage im dichtbesiedelten Landstreifen wird immer bedrohlicher. Es fehlt an Baumaterial zur Wiederinstandsetzung der über 4000 zerstörten Wohnhäuser und von den über 50.000 am Ende des Kriegs obdachlos gewordenen Menschen haben viele immernoch kein festes Dach über dem Kopf. Aber an einem fehlt es besonders in den letzten Tagen: Elektrizität. Medhat Abbas, Generaldirektor des Gesundheitsministeriums im Gazastreifen berichtet gegenüber Press TV, dass die Krankenhäuser und Kliniken nun mit Strom aus Motoren betrieben werden müssen. Grund dafür ist, dass das einzige Kraftwerk des Gazastreifens aufgrund von Engpässen durch die israelische Blockade seit dem 9. April heruntergefahren wurde.

22.000 Liter Diesel am Tag werden nun benötigt, um den Betrieb der medizinischen Einrichtungen zu garantieren. Das bedeute Todesgefahr für Frühgeburten, für von Instrumenten abhängigen Patienten und für Menschen auf der Intensivstation. Israel hat laut Völkerrecht als Besatzungsmacht die Pflicht, die Versorgung der Bevölkerung zu garantieren (pdf). Zumindest der freie Erwerb von Treibstoff auf dem Weltmarkt sollte erlaubt sein. Stattdessen werden immer wieder die Tunnel im Süden am Grenzort Rafah, welche mittlerweile die Lebensadern des kompletten Küstenstreifen darstellen, durch Bombardements zerstört. Selbst Hilfboote von westlichen NGOs, beladen mit den nötigsten Gütern, wurden von der israelischen Marine geentert und nicht nach Gaza durchgelassen.

Die in der arabischen Welt mit Fassungslosigkeit aufgenommene Kooperation des Diktators von Ägypten trägt den Rest dazu bei. Mit einer jüngst begonnenen Initiative in Form einer tiefen Trennwand steuert das Land am Nil seinen Teil zur humanitären Katastrophe bei. Flutungen der Tunnel und die Einspeisung von Gas soll bereits Todesopfer in den „unterirdischen Supermärkten“ gefordert haben. Dennoch besteht Grund zur Hoffnung. Gerade weil immer wieder Berichte kommen, die Lage sei kurz vor dem Zusammenbrechen und die Menschen im Gazastreifen sich immer wieder kreativ und auch mutig bei der unterirdischen Überwindung der Blockade bewiesen haben, bleibt die Hoffnung, dass die Krankenhäuser und die ganze Bevölkerung auch diesen Engpass zu meistern wissen.

Noch ein Kommentar:

Mit Kopfschütteln und Erstaunen liest man derweil in der bürgerlichen deutschen Presse immer wieder, wie versucht wird, die Haltung von rund 1,5 Millionen Menschen in einem Freiluftgefängnis zu rechtfertigen: Die Menschen im Gazastreifen hätten bei ihren Wahlen mit der Hamas einfach die falsche Entscheidung getroffen, eine Öffnung der Grenzen würde nur für Waffennachschub sorgen und gegen die „ständigen Raketen“ auf Israel müsse man etwas tun. Für letzteres Argument zählen dann auch keine Statistiken, die das genaue Gegenteil beweisen. Und dass man mit der Behauptung, irgendwer hat falsch gewählt, seine eigenen demokratischen Prinzipien, die man angeblich den Rest der Welt bringen möchte, kurzerhand über Bord wirft, tritt ebenso in den Hintergrund. Wie man die Sache auch dreht, wenn man neutral und den Tatsachen entsprechend berichten möchte, kommt man an Gaza nicht vorbei, ohne Israels unmenschliches, mörderisches Verhalten in dieser Blockade und in den Bombardierungen, die Anfang 2009 ihren Höhepunkt fanden, zu verurteilen.

Co-Published: politruc.com

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